Ein neues Jahr beginnt, und Linus Volkmann wirft in seiner Kolumne einen Blick in die Zukunft.
Nicht, dass ich überrascht wäre, wenn sich die gesellschaftlichen Abwärtstrends, die das aktuelle Jahrzehnt prägen, auch im Jahr 2026 weiter fortsetzen. Mehr Faustrecht als Völkerrecht, rapide soziale Verwerfungen anstelle von Solidarität und eine Flut von Künstlicher Intelligenz, die den menschlichen Verstand übertrumpft.
All dies wird unweigerlich auch die Popkultur beeinflussen. Deshalb werfe ich einen Blick in die Zukunft, genauer gesagt, ziehe ich das Ouija-Brett heran. Also, lasst uns beginnen – es hilft alles nichts!
Ein Jahr ohne Taylor Swift
Es wäre sicherlich erfreulicher, wenn tyrannische Despoten wie der diabolische russische Präsident Wladimir Putin eine kreative Auszeit nehmen würden, aber man nimmt die Freuden, wo man sie finden kann. Deshalb heiße ich euch willkommen zu einem Jahr ohne Taylor Swift. Nach ihrer „Eras“-Tour und Alben wie THE TORTURED POETS SOCIETY sowie LIFE OF A SHOWGIRL nimmt die Ikone des globalen Pops eine wohlverdiente Pause. Keine neuen Alben, keine Tourneen, stattdessen konzentriert sie sich auf ihr Privatleben.
Endlich eine Atempause! Denn auch wenn Taylor Swift momentan die Größte ihres Fachs sein mag, muss man das nicht ständig wiederholt bekommen. Tod durch Redundanz! Medien und Musikliebhaber können ihren Blick in 2026 ruhig auf andere Künstler richten … Welcher andere massenkompatible Act wird als nächster Messias der Musikszene gefeiert werden?
Neue Zeiten, neue Gesichter. Ich schließe diesen Abschnitt mit einer der schlimmsten journalistischen Floskeln ab und hoffe, dass sich die KI vor allem auf diese konzentriert: Man darf gespannt sein.
Wenn die Hölle keinen Platz mehr bietet, kehren die Dämonen zur Erde zurück
Vor fünf Jahren hat er sich mit seinem Telegram-Kanal ins Abseits katapultiert, doch heute scheint die unsolidarische Wahnsinnswelt, die Akteure wie Xavier Naidoo beschwören, plötzlich allgegenwärtig. Vielen Dank dafür! Verschwörungstheorien, Queerfeindlichkeit, antisemitischer Wahn … all dies prägt zunehmend den gesellschaftlichen Diskurs. Kein Wunder also, dass auch der „geläuterte“ Sänger aus Mannheim wieder im Rampenlicht steht. Darüber habe ich kürzlich ausführlich berichtet.
Neben Naidoo treten 2026 auch andere, längst abgeschriebene Künstler wieder ins Rampenlicht: Die Südtiroler Band Frei.Wild etwa. Auch der Schlager-Sänger Michael Wendler steht wieder auf der Bühne, allerdings auf kleineren. Der notorische Koch Attila Hildmann hingegen hat sich zu weit ins Abseits manövriert. Seine letzten bekannten Aktivitäten zeigen ihn, wie er plötzlich mit Hilfe des von ihm so verachteten Rechtsstaats (BRD GmbH) Hacker auf Schadenersatz verklagt. Man sollte öfter sagen: Wären doch alle Feinde der Demokratie wie Attila Hildmann – nämlich völlig isoliert.
Die Sache mit dem WM-Song 2026
Wer erinnert sich nicht gerne an die Verleihung des neu geschaffenen Friedenspreises der FIFA? Bei der Gruppenauslosung in Washington wurde der selbst ernannten Friedensmaus Donald Trump ein wunderbarer Pokal dieser Geschmacksrichtung überreicht. Die Botschaft an uns Fans des runden Leders: „Keine Sorge, liebe Fans, Ultras und andere Opfer. Wir kümmern uns um den Ausgleich in der Welt. Nicht umsonst haben wir die letzten Turniere an Russland (2018) und Katar (2022) verkauft, äh, vergeben!“
Passend dazu der YouTube-Top-Kommentar zu „Desire“, der neuen FIFA-Hymne für die WM 2026, die sich deprimiert intoniert sieht von Robbie Williams: „Is this a celebration song or a funeral?“
Der Horror mit Streaming und der KI-Musik
Willkommen in der Welt der sogenannten Geistermusik, auch bekannt als „Ghost Artists“. Auf den einflussreichen Playlists des Marktführers Spotify tauchen vermehrt Künstler auf, deren reale Existenz nicht nachgewiesen werden kann. Sie hinterlassen keine Spuren, spielen keine Konzerte, denn sie existieren nicht. Der Grund für diesen Wechsel von Mensch zu Maschine ist simpel: Laut einem ehemaligen Spotify-Mitarbeiter handelt es sich um „Musik, von der wir finanziell profitieren“. Es scheint, als ob der Profit mittlerweile jede Menschlichkeit übertrumpft. Erlaubt ist, was Geld einbringt.
Wie feindlich sich der Markt für kleinere und mittlere Künstler:innen bereits seit der Pandemie gestaltet, könnte nur ein Vorgeschmack darauf sein, was uns erwartet, wenn es immer üblicher wird, dass KIs uns Bilder malen, Bücher schreiben und Lieder singen. Verlasst die von großen Unternehmen dominierten Playlists, sucht euch eure Künstler selbst aus oder wendet euch an Playlists, die nachweislich von echten Menschen zusammengestellt werden. Auch das wird 2026 so sein.
„Wenn ich komme, wird das Maul gehalten“ – Battlerap als Trend
Battlerap, auch bekannt als die Kunst der Beleidigung, ist seit der Event-Reihe „Feuer über Deutschland“ in den Nullerjahren eine aktive Subkultur. Doch 2026 ist diese Ära vorbei. Verantwortlich dafür ist der gesichtstätowierte Emo-Rapper Beastboy, der durch seine YouTube-Präsenz als Taddl bekannt wurde. Jetzt dominiert er die deutsche Battlerap-Liga Don’t Let The Label Label You (DLTLLY) und hat dem Genre einen neuen Boom verschafft. Im sogenannten „Dissember“ trat er erstmals in der Königsklasse des Genres auf, Acapella und ohne Beats. Der Festsaal Kreuzberg war innerhalb von zwanzig Minuten ausverkauft, und die Online-Version des Events erreichte innerhalb weniger Tage hunderttausende Aufrufe. Prognose: Battlerap wird 2026 noch größer. Riskiert mal einen Blick.
Ein Lied soll keine Brücke sein – Alptraum ESC
Mitte Mai steht der Eurovision Song Contest (ESC) wieder an. Jubel, Trubel, Heiserkeit! Die bunte, queere Schlagerwelt öffnet ihre Tore und zeigt, dass Musik für alle da ist – außer natürlich für Juden bzw. Israelis. Obwohl sie (Stand heute) noch nicht aus der vielfältigen, aufmerksamen Pop-Community verdrängt wurden, wird der Druck durch Boykotte einiger ESC-Länder immer größer. Dass im Herbst nach der Freilassung der letzten lebenden Geiseln durch die Hamas die Kampfhandlungen ein Ende fanden und es nun um den Wiederaufbau von Gaza gehen könnte, spielt keine Rolle. Stattdessen kann man sich im Frühjahr in Wien auf eine selbstgefällige Katastrophe freuen, die ihre Rolle als Brückenbauer einmal mehr ad absurdum führt.
Respekt jedoch für diejenigen konstruktiven Kräfte, die innerhalb des ESC und der Community aktiv sind und noch nicht völlig verloren haben. Haltet durch, aber ich kann mir das nicht mehr ansehen.
Hit-Dezernat 26
And the band played on … Für mich ist das die schönste und zuverlässigste Vorhersage: Auch 2026 wird großartige Musik gemacht, werden tolle Songs veröffentlicht, werden großartige Konzerte gespielt. Ich freue mich zum Beispiel auf das Comeback der Kölner Band Locas In Love. Im Dezember spielten sie bereits drei Shows, und man hört, dass dieses Jahr ein neues Album erscheinen soll. Und so ganz weg waren die Indie-Perlen auch gar nicht. Bassistin Stefanie Schrank hat sich zuletzt sogar zu einer beachteten Solo-Künstlerin entwickelt.
Ebenso gespannt bin ich auf das neue Album von The TCHIK. In unsicheren Zeiten haben sie ein freundliches Thema gefunden, das zumindest bei mir keine Atemnot auslöst. Es geht Lulu, Doreen und Ilay (nicht erst seit dem Song) um die besten Freund:innen des Menschen: Tauben. Durch die „freche Berliner Girl-Combo“ (Quelle: Friedrich Merz) bekommen die wackligen Tiere erstmals auch eine eigene Hymne gewidmet.
Auf ihrem kommenden Album LOVE, HATE & ENGELENERGIE geht es zudem darum, wie man dem lieben Gott erklärt, dass man total verknallt ist. Da dürfen sich sogar die durch den Aufstieg der Trump-Bewegung emporgekommenen Christfluencer angesprochen fühlen. Eine Tour ist für April 26 bereits geplant.
Hit-Dezernat 26 (Reprise)
Ah, ihr kennt schon Locas In Love und The Toten Crackhuren im Kofferraum? Das ist fantastisch, kein Grund, mich vom Straßenrand zu drängen. Ich wollte einfach nur euer Wissen auffrischen, Leute!
Dann füge ich hier noch zwei Namen hinzu, die ihr vielleicht noch nicht kennt. Obwohl einer davon bereits erwähnt wurde: Ilay von The TCHIK startet dieses Jahr solo und reflektiert die Migrationsgeschichte ihrer Familie. Derzeit kann man bereits das Stück „Adobo“ hören, das sich auf ein beliebtes Gericht von den Philippinen bezieht.
Und wer nach einem goldenen Jahr 2025 auch für 2026 eine weitere Platte plant: The Red Flags. Ihr rasanter Aufstieg hat sie nicht aus der Bahn geworfen, und nun steht weitere Studiozeit an, um einen Nachfolger für ihr phänomenales Debüt SELF-CENTERED AND DELUSIONAL zu erarbeiten. Eine solche Band, die international mithalten kann, ist selten. Wer das verpasst, wirft wahrscheinlich auch bei Monopoly die Karte „Bankirrtum zu ihren Gunsten“ einfach weg.
Die Red Flags sind jedoch sehr zu empfehlen.
Also, auf ein Neues!
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.
