Die Gitarre erlebt gerade eine spürbare Wiederkehr: Sie ist kein museales Relikt mehr, sondern wird von vielen jungen Menschen neu entdeckt — mit Folgen für Hersteller, Konzertleben und das Verhältnis von Genres. Wer jetzt zuhört, erkennt: Aus dem Instrument wächst wieder ein zentraler Teil populärer Musik.
Bis vor wenigen Jahren galt das Gitarrenbusiness als ausgedünnt. Verkaufszahlen waren rückläufig, Traditionsfirmen gerieten in Not — 2018 etwa meldete ein großer Hersteller Insolvenz an. Dann kam die Pandemie und drehte den Trend um: Binnen kürzester Zeit stiegen Umsätze und Nachfrage deutlich an, manche Händler verzeichneten Rekordumsätze.
Ein Katalysator dieser Entwicklung ist Taylor Swift. Ihre 2020er-Alben, produziert gemeinsam mit Aaron Dessner, setzten verstärkt auf akustische und gitarrenbasierte Arrangements und trafen den Nerv einer Zeit, in der vielen Hörer:innen reduzierte, intime Klangbilder wichtig waren. Parallel dazu trugen Stars wie Ed Sheeran – der einzelne Konzerte allein mit einer Gitarre füllte – und eine neue Generation von Musikerinnen dazu bei, die Gitarre wieder attraktiv zu machen.
- Marktentwicklung: Nach Jahren des Rückgangs stiegen 2020/21 die Verkäufe deutlich; einige Hersteller verzeichneten Hunderte Millionen Dollar Umsatz.
- Neue Spielerschaft: In den USA begannen 2020–2021 geschätzt rund 16 Millionen Menschen, Gitarre zu lernen; etwa zwei Drittel davon waren zwischen 14 und 35 Jahre alt.
- Geschlechterverteilung: Auffällig viele Neueinsteigerinnen — fast die Hälfte der Lernenden sind weiblich.
- Branchenreaktion: Hersteller passen Design und Ansprache an, sie holen junge Musiker:innen in Entwicklungsprozesse.
Die Veränderung ist nicht nur wirtschaftlich, sie ist kulturell: Die Identifikationsfiguren, die Inspiration liefern, sind weniger die alten Gitarren-Götter als zunehmend Musikerinnen und Indie-Acts. Namen wie Courtney Barnett, Mitski oder St. Vincent fungieren heute als Vorbilder, die junge Menschen an die Saiten bringen. Supergroups wie Boygenius stehen symbolisch für einen Generationswechsel, bei dem Harmoniegesang, Songwriting und Gitarrenarbeit neu verhandelt werden.
Auch die Industrie reagiert: Große Marken fragen gezielt nach Wünschen junger Instrumentalistinnen, ändern Formen, Finishs und Marketing. Künstlerinnen berichten, dass erste Kontaktaufnahmen seit Mitte des Jahrzehnts stattfanden — ein Zeichen dafür, dass die Hersteller das Potenzial erkannt haben.
Musikalisch öffnet die Gitarre weiterhin Grenzen: Sie lässt sich mit Elektronik, Beats und Produktionsmethoden verknüpfen, ohne ihren Charakter zu verlieren. Künstliche Intelligenz, veränderte Hörgewohnheiten durch Streaming und ein wiedererstarkender Vinylmarkt werden die Rolle des Instruments in den kommenden Jahren zusätzlich prägen.
Die 100 besten Gitarrist:innen — Auszug aus dem Ranking
100 — Michael Rother
Als Mitgestalter der „kosmischen“ Szene prägte Rother seit den 1970ern eine nüchterne, melodiöse Gitarrensprache, die oft mehr Atmosphäre als Virtuosität sucht. Besonders einprägsam: sein Solo auf „Hallogallo“ mit Neu!.
99 — Kirk Hammett
Der Lead-Gitarrist einer der größten Metal-Bands ergänzt rohe Rhythmuspower durch melodische, oft atmosphärische Soli. Seine Fähigkeiten kommen in der Halbballade „One“ besonders zur Geltung.
98 — Ace Frehley (Space Ace)
Der einstige Kiss-Gitarrist ist mehr Performer als Technik-Exzentriker; seine eingängigen Licks und sein Gespür für hookige Soli machten Stücke wie „Shock Me“ unvergesslich.
97 — Kelley Deal
Aus der Rolle der Aushilfe entwickelte sich Deal zur prägnanten Stimme eines Postpunk-Formats: ihre Arbeit in den Breeders zeichnet sich durch direkte, treibende Patterns aus, die etwa „Cannonball“ antreiben.
96 — Thurston Moore
Mit Sonic Youth erforschte Moore anti-konventionelle Klangräume: alternative Stimmungen, präparierte Saiten, Drones und Noise sind sein Repertoire. „Silver Rocket“ demonstriert seinen Einfluss auf die Popästhetik.
95 — Jerry Garcia
Garcia verband Folk, Bluegrass und Jazz zu einem warmen, schwebenden Gitarrenton. Seine Soli in langen Grateful-Dead-Jams gelten als Beispiel für melodische Improvisation.
94 — Duane Allman
Mit seiner Slide-Gitarre legte Allman den Grundstein für den Southern Rock; seine Sessionarbeit, etwa auf Claptons „Layla“-Version, zeigt seine expressive Kraft.
93 — Dolly Parton
Bekannt als Songwriterin, ist Parton zugleich eine versierte Begleiterin ihrer Lieder. Das Intro zu „Jolene“ ist ein gutes Beispiel für ihre präzise, singende Anschlagtechnik.
92 — Mick Ronson
Ronson formte in den 70ern den Glam-Ästhetik-Sound von David Bowie mit melodischen Soli und stilsicheren Arrangements; „Moonage Daydream“ demonstriert sein Händchen für Dramaturgie.
91 — John Frusciante
Zwischen experimentellen Soloarbeiten und prägnanten Beiträgen zu den Red Hot Chili Peppers schwankt Frusciantes Karriere — immer aber bereichert sein Spiel die Banddynamik. Sein Solo-Finale in „Dani California“ ist markant.
90 — Jeff Parker
Der Gitarrist bringt Jazz-Sensibilität in Post-Rock-Kontexte; seine Klangsprache bleibt entspannt und transparent, improvisatorisch wie auf „Ugly Beauty“ zu hören.
Diese Auswahl ist nur ein Ausschnitt aus unserer Rangliste, die etablierte Ikonen, unterschätzte Schlüsselfiguren und aktuelle Trendsetter vereint. Bewertungskriterien waren neben technischem Können vor allem Innovationskraft, musikalische Neugier und die Fähigkeit, ihr Instrument in veränderten Kontexten neu zu denken.
Abschließend sei festgehalten: Die Gitarre bleibt ein lebendiges, wandelbares Instrument. In einigen Jahren wird dieselbe Liste anders aussehen — vermutlich diverser und noch stärker von jüngeren Künstlerinnen geprägt.
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Tom Schneider ist Musikliebhaber, DJ und Redakteur bei Inside-Reeperbahn.de. Er schreibt mit Herzblut über neue Bands, alte Legenden und die Hamburger Clubszene. Seine Artikel verbinden Recherche mit persönlichem Erleben und bieten echten Mehrwert für Musikfans.