Mit einfachen Bildern bringen Kinder in Berlin ihre Vielsprachigkeit ins öffentliche Sichtfeld: Ein neues Projekt der Künstlerinnengruppe Migrantas zeigt Fotografien und ein cartoonartiges Video, das derzeit in U‑Bahn‑Wagen der Stadt zu sehen ist. Die Ausstellung will nicht nur Erfahrungen von Zugehörigkeit und Fremdheit dokumentieren, sondern zieht ganz praktisch Aufmerksamkeit auf die Alltagserfahrungen bilingualer Schulkinder.
Projekt und Präsentation
Letzte Woche eröffnete im Haus der Kulturen der Welt eine Schau mit den Ergebnissen eines Workshops, in dem Neun‑ bis Elfjährige Fotos von ihrem Schulalltag machten und daraus ein kurzes Video im Piktogramm‑Stil entwickelten. Das Video wird in Berliner U‑Bahn‑Zügen gezeigt und ist dort noch bis zum 9. November auf Bildschirmen zu sehen.
Wie das Team arbeitet
Die Initiative, die sich seit 2004 mit Migrationsthemen beschäftigt, vereint Kreative aus verschiedenen Disziplinen. Zu den Gründungsfrauen gehören die Künstlerin Marula Di Como, die Grafikdesignerin Florencia Young und die Soziologin Estela Schindel; später stießen die Stadtplanerin Irma Leinauer und die Journalistin Alejandra López dazu. Statt in einer gemeinsamen gesprochenen Sprache formuliert das Kollektiv Aussagen vor allem über Piktogramme – einfache, bildhafte Zeichen, die sprachübergreifend verstanden werden sollen.
Für das aktuelle Projekt arbeiteten die Beteiligten in drei staatlichen, bilingualen Grundschulen: der türkisch‑deutschen Aziz‑Nesin‑Grundschule in Kreuzberg, der spanisch‑deutschen Joan‑Miró‑Grundschule in Charlottenburg und der italienisch‑deutschen Finow‑Grundschule in Schöneberg. Gefördert wurde die Arbeit mit 17.800 Euro aus dem Berliner Kulturfonds.
Was die Kinder zeigten
Innerhalb einer Woche sammelten die Kinder Eindrücke, zeichneten Entwürfe und setzten diese in Bildersprache um. Heraus kamen rund 70 Piktogramme, die bereits international gezeigt wurden. Inhaltlich decken die Motive ein breites Spektrum ab: Gefühle wie Einsamkeit oder Überforderung erscheinen neben Bildern, die neues Lernen, Freundschaften oder das Ankommen in einer Gemeinschaft darstellen.
- Teilnehmer: Kinder im Alter von 9–11 Jahren
- Format: Fotoserie und cartoonartiges Video, ergänzt durch Piktogramme
- Ausstellungsort: Haus der Kulturen der Welt; Video in Berliner U‑Bahn
- Förderung: 17.800 Euro vom Berliner Kulturfonds
- Schulen: drei bilinguale Grundschulen in Kreuzberg, Charlottenburg und Schöneberg
Stimmen und Beobachtungen
Die Projektleiterinnen betonen, dass es ihnen weniger um gestalterische Perfektion als um das geteilte Erleben geht: Die Bilder sollen zeigen — nicht belehren. In den Workshops fiel den Initiatorinnen auf, dass selbst Lehrkräfte oft nur wenig über die Herkunft ihrer Schülerinnen und Schüler wussten. Solche Entdeckungen lösen direkte Gespräche über Identität und Zugehörigkeit aus.
Eine Schülerin schilderte, dass sie ihre Doppelzugehörigkeit nicht als Problem empfinde, sondern als Selbstverständlichkeit; das spiegelt sich auch in den Arbeiten der Kinder, die eine unaufgeregte, beinahe alltägliche Akzeptanz verschiedener kultureller Wurzeln zeigen.
Einordnung: Was das für die Stadt bedeutet
Das Projekt setzt Sichtbarkeit in den öffentlichen Raum: Piktogramme auf Plakaten, Postkarten und in Verkehrsmitteln sprechen gezielt Menschen an, die Migrationserfahrungen teilen. Die Initiatorinnen verstehen ihr Vorgehen nicht als einseitige Debatte über Integrationsdefizite, sondern als Versuch, Migration als facettenreiche Realität zu zeigen — mit positiven und belastenden Seiten.
Die künstlerische Form schafft eine Zugänglichkeit, die Worte allein oft nicht erreichen. So könnte die Arbeit dazu beitragen, dass Mehrfachzugehörigkeit in Alltag und Bildung als Normalfall wahrgenommen wird statt als Ausnahme.
Blick nach vorne
Die Initiative arbeitet bereits länger mit Frauen und Jugendlichen aus vielen Herkunftsländern und hat nach eigenen Angaben mit Menschen aus mehr als 70 Nationen kooperiert. Für die kommenden Monate bleibt das Thema präsent: Die Präsenz in der U‑Bahn erhöht die Reichweite deutlich und bringt die Auseinandersetzung mit Mobilität, Identität und Alltagssprache an Orte, die sonst selten als Ausstellungsfläche genutzt werden.
Das Projekt zeigt, wie bildbasierte Kommunikation Brücken schlagen kann — zwischen Sprachen, Generationen und sozialen Gruppen. Ob und wie sich solche Formate dauerhaft im öffentlichen Diskurs verankern, hängt auch davon ab, wie Bildungseinrichtungen und Kommunen auf die Einsichten aus den Workshops reagieren.
Autorin: Jessica Ware
Ähnliche Beiträge:
- Aufregendes Theater: Die Metrostation als Bühne!
- München verzaubert: Straßenklaviere sorgen für musikalisches Flair!
- Berliner Mauer wird zur „West Side Gallery“: Ein neues Kulturhighlight entsteht!
- „Tuff im Osten“: Fjodor Busik tanzt für mehr Solidarität im Osten Deutschlands!
- Vereint gegen Corona: Wie Berlins Clubs die Krise gemeinsam meistern

Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.