An einem lauen Abend im Salon des Michelbergers sitzt José González mit einem Glas Orange Wine und spricht über Maßhalten, Musik und die kleinen Entscheidungen, die ein Leben verändern. Die Unterhaltung reicht von schwedischen Alltagstugenden bis zu Sorgen um die Zukunft der Musik — und macht deutlich, warum das Thema gerade jetzt relevant ist.
Warum ein Glas statt eines Bieres
Eigentlich wäre ihm eher nach Bier zumute, sagt González; doch das Gespräch, das Wetter und die Leichtigkeit des Moments machten den Orange Wine zur besseren Wahl. Rotwein schließt er für sich meist an Mahlzeiten an — sonst wirkt er schwer. Solche kleinen Regeln helfen ihm, Genuss und Alltag in Balance zu halten.
Nach Jahrzehnten auf Tour hat er gelernt, Grenzen zu setzen. Er erzählt von einem Pulsmessring, der ihm zeigte, dass Alkohol den Schlaf nicht verbessert, sondern das Herz eher unruhig macht. Bewusste Pausen sind für ihn inzwischen Teil der täglichen Praxis.
Das Prinzip von „Lagom“
Im Schwedischen gibt es ein Wort für das, was González anstrebt: Lagom — gerade genug, nicht zu viel, nicht zu wenig. Für ihn bedeutet das nicht Enthaltsamkeit, sondern ein ausgewogenes Leben: Genießen ohne Verantwortung preiszugeben.
Gleichzeitig betont er, wie wichtig soziale Ausnahmen sind: Bei Freunden und Familie wird gefeiert. Diese Flexibilität, sagt er, ist für die psychische Gesundheit entscheidend.
Familie, Gegenwart und die Entscheidungen der letzten Jahre
Die letzten Jahre beschreibt González als langsamer und bewusster. Er nimmt weniger Tourangebote an, ist seit fast 13 Jahren in einer festen Beziehung und Vater von zwei Kindern. Solche Routinen helfen ihm, präsent zu sein — eine Fähigkeit, die er sich bewusst erarbeitet hat.
Ursprünglich studierte er Biochemie und wollte zunächst etwas völlig anderes tun; Musik war anfangs eher Nebenbeschäftigung. Heute ist sie Zentrum seines Lebens, aber nicht mehr im Rausch der Anfangsjahre. Er meditiert, schreibt und wählt Termine selektiv aus.
Was das für die Musikbranche bedeutet
González denkt pragmatisch über die Zukunft seines Berufs nach. Er erwartet, dass Konzerte Bestand haben werden — Menschen werden weiterhin bereit sein, für Live-Erlebnisse zu bezahlen. Dagegen könnte die Nutzung von Musik in Film und Fernsehen konkurrenzfähiger und damit weniger lukrativ werden, wenn Künstliche Intelligenz das schnelle Produzieren ähnlicher Stücke erleichtert.
Seine Haltung bleibt gelassen: Familiale Stabilität und ein funktionierendes Zuhause geben ihm Rückhalt, selbst wenn sich Einnahmequellen verschieben sollten.
- Balance im Alltag: Genuss zulassen, ohne Gesundheit und Gegenwart zu opfern.
- Berufliche Anpassung: Konzerte als stabiles Fundament, Lizenzgeschäfte unter Druck durch KI.
- Persönliche Entwicklung: Weniger Touren, mehr Präsenz — eine bewusste Priorisierung von Familie und Kreativität.
- Institutionelles Vertrauen: Auch unvollkommene Institutionen sind laut González besser als gar keine.
Risiko neu denken
González sieht sich nicht als Draufgänger. Als Skateboarder wählte er sichere Linien, als Vater wägt er Ermutigung gegen Vorsicht ab. Risiko habe verschiedene Facetten: Manche Freunde suchten die Grenzerfahrung beim Gleitschirmfliegen; das ist nichts für ihn.
Er erinnert sich an eine unglückliche Episode: betrunken vom Balkon in einen Pool zu springen — eine Erfahrung, die nachdenklich stimmt und die Bedeutung von Vorsicht unterstreicht.
Politik, Verantwortung und sein neues Album
Das aktuelle Album AGAINST THE DYING OF THE LIGHT, erschienen Ende März, verhandelt Themen wie Verantwortung und kollektive Folgen von Entscheidungen. González kritisiert ein vorherrschendes Nullsummen-Denken in der Politik: Die Vorstellung, dass ein Gewinn zwangsläufig einen Verlust bei anderen bedeutet, erachtet er als kurzsichtig in Zeiten tiefgreifender Umbrüche.
Ein zentrales Problem sieht er in sinkendem Vertrauen in Institutionen. Dennoch plädiert er dafür, die vorhandenen Strukturen zu stärken, statt sie pauschal abzuschaffen — unvollkommen, aber notwendig.
In musikalischer Hinsicht bleibt er vorsichtig optimistisch: Die Live-Kultur dürfte weiterbestehen; die Nutzung von Musik in Medien könnte jedoch neue Geschäftsmodelle erfordern.
González ist momentan in Deutschland für Konzerte im Mai zu sehen; weitere Termine sind für Herbst angekündigt. Die Gespräche entstanden im Rahmen der Reihe „An der Bar“, in der Künstlerinnen und Künstler in entspannter Atmosphäre über ihr Leben und Schaffen sprechen.
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Tom Schneider ist Musikliebhaber, DJ und Redakteur bei Inside-Reeperbahn.de. Er schreibt mit Herzblut über neue Bands, alte Legenden und die Hamburger Clubszene. Seine Artikel verbinden Recherche mit persönlichem Erleben und bieten echten Mehrwert für Musikfans.