Das English Theatre Berlin feiert sein 20-jähriges Bestehen – und seine neue Inszenierung von „An Experiment with an Air Pump“ zeigt, warum die Verbindung von Theater und Wissenschaft heute mehr ist als ein Gimmick: Das Stück stellt drängende Fragen zu Forschung, Moral und Erinnerung und trifft damit einen Nerv in einer Zeit, in der Debatten über Eingriffe in die Natur des Menschen wieder an Schärfe gewinnen.
Shelagh Stephensons Stück verknüpft zwei Epochen: Ende des 18. Jahrhunderts und das Jahr 1999. Auf der Grundlage eines Gemäldes von Joseph Wright entfaltet die Bühnenfassung ein dichtes Geflecht aus Familientragödie, intellektuellen Debatten und moralischen Dilemmata.
Zwischen Aufklärung und Biotechnologie
Im Zentrum steht der Wissenschaftler Dr. Fenwick, der mit großspuriger Überzeugung in die Zukunft blickt. Um ihn herum bewegen sich Figuren, die in beiden Zeitebenen erscheinen, aber jeweils andere Rollen übernehmen: Forscher, Bauhandwerker, Ehepartnerinnen und Dienende – ein Ensemble, das Identitäten und Verantwortlichkeiten verschiebt, wenn die Handlung zwischen 1799 und 1999 hin- und herspringt.
Besonders eindrücklich ist die Figur der Isobel, der Dienerin, deren Schicksal die dunklen Seiten der wissenschaftlichen Neugier aufzeigt. Ihr Verhältnis zum zwielichtigen Arzt Armstrong rückt in den Mittelpunkt der Erzählung und macht die Frage nach den Ursprüngen mancher Forschungspraktiken spürbar.
Die Inszenierung spart Antworten aus. Stattdessen konfrontiert sie das Publikum mit offenen Fragen zur Ethik von Experimenten, zur Herkunft von Forschungsmaterialien und zur Verantwortung der Wissenschaft gegenüber Einzelnen und Gesellschaft.
Zusammenarbeit mit der Universität als dramaturgisches Mittel
Für die Produktion kooperierte das Theater eng mit der Freien Universität Berlin: Schauspielerinnen und Schauspieler besuchten Seminare, führten Gespräche mit Forschenden und ließen wissenschaftliche Perspektiven in die Probenarbeit einfließen. Diese Einbindung zeigt sich in der Inszenierung – sie macht die Debatten greifbar, ohne den theatralen Spannungsbogen zu opfern.
Die Balance zwischen ernsten Themen und komischen Momenten trägt wesentlich zum Erfolg der Aufführung bei. Unter der Regie von Günter Grosser wechseln sich lakonische Szenen mit eindringlichen, fast dokumentarisch wirkenden Passagen ab.
Finanziell arbeitet das Haus vergleichsweise sparsam: Bühnenbild und Effekte bleiben bewusst zurückhaltend. Was zählt, sind die Darstellerinnen und Darsteller. Besonders Julie Trappett und Elisabet Johannesdottir liefern nuancierte, tragikomische Figurenarbeiten, die kleinere handwerkliche Patzer auf der Bühne schnell überdecken.
Die Zusammenarbeit von Theater und Wissenschaft macht hier handfest, wie kulturelle Projekte aktuelle Diskurse spiegeln können. Sie lädt das Publikum ein, nicht nur Unterhaltung zu konsumieren, sondern über die Konsequenzen wissenschaftlichen Handelns nachzudenken – von historischen Praktiken bis zu aktuellen Fragen der Genetik.
- Vorstellung: „An Experiment with an Air Pump“
- Spielzeit: 11.–27. Februar, immer 20:00 Uhr
- Tickets: regulär €18, ermäßigt €10
- Ort: Fidicinstrasse 40, 10965 Berlin
- Kontakt: Telefon 030/691 12 11, E‑Mail tickets@etberlin.de
Wer sich für Theater interessiert, das Wissen als Thema ernst nimmt, findet hier eine dichte, gut gespielte Produktion, die mehr Fragen stellt als Antworten gibt – und sie damit relevanter macht denn je.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.