Bauhaus, Peter Murphy: welche Alben heute noch wegweisend sind

September 8, 2026

Bauhaus, Peter Murphy: welche Alben heute noch wegweisend sind

Bauhaus haben das, was wir heute Gothic nennen, mitbegründet – und ihre Platten entscheiden noch immer, wie dieses Erbe gelesen wird. In Zeiten von Wiederveröffentlichungen, Streaming-Playlists und Retro-Mode lohnt ein nüchterner Blick: Welche Alben lohnen sich, welche sind eher historische Fußnote?

Unverzichtbar

Ihr Debüt markiert den Moment, in dem Nachkriegs-Postpunk in eine dunklere Ästhetik umschlug. In the Flat Field wirkt heute noch roh und zielgenau: knorrige Bassläufe, eine dichte Rhythmuswand und Gitarren, die eher schneiden als verzerren. Songs wie „Double Dare“ verbinden eine fast tribalistische Schlagzeugbasis mit psychedelischen Effekten und einer theatralischen Stimme, die mehr rockt als lamentiert. Für viele ist das Album die Blaupause dessen, wie Goth-Rock ursprünglich klang — ernst, körperlich und unangepasst.

Warum das wichtig ist: Wer verstehen will, wo die Stilmerkmale des Genres herkommen, kommt an diesem Debüt nicht vorbei.

Empfehlung

  • In the Flat Field — ★★★★★

Die Brücke zum Pop

Mit dem folgenden Album erweiterten Bauhaus ihr Spektrum: Härtere Kanten blieben erhalten, doch es gab nun mehr Songstruktur, eingängigere Refrains und gelegentliche Tanzrhythmen. Mask zeigt eine Band, die bewusst mit Pop-Elementen kokettiert, ohne ihre düstere DNA ganz aufzugeben; Nummern wie „Kick in the Eye“ bieten ein überraschend hitiges Moment zwischen Zwielicht und Groove.

Diese Platte erklärt, wie Bauhaus später bei Coverversionen von Bowie landeten: nicht aus sentimentaler Nähe, sondern weil sie gemeinsame stilistische Berührungspunkte offenbarten.

  • Mask — ★★★★½

Soloerfolge und Ausflüge

Peter Murphy nutzte die nachfolgenden Jahre, um seine Stimme in ein poppigeren Rahmen zu setzen. Sein Album Deep (1989) brachte ihm in den USA größere Beachtung: wohlstrukturierte Singles, MTV‑Rotation und ein zugänglicherer Sound, der gleichzeitig mit mystischer Romantik spielte. „Cuts You Up“ bleibt ein gutes Beispiel für Murphys Fähigkeit, düstere Melancholie und Radiotauglichkeit zu verbinden.

  • Peter Murphy — Deep (Solo) — ★★★★½

Wie alles anfing

Die frühen Sessions rund um „Bela Lugosi’s Dead“ sind legendär: Eine einzelne, lange Aufnahme begründete das Bild vom gothischen Klangraum — Hall, gedehnte Passagen, eine Stimme, die das Pathos eines Horrorfilms heraufbeschwört. The Bela Session dokumentiert diesen Ursprung klar und direkt; für Fans ist sie ein Schlüsselstück, weil dort viele elementare Ideen erstmals kongruent zu hören sind.

  • The Bela Session — ★★★★★

Nebenprojekte mit Eigenleben

Nicht alle musikalischen Abstecher der Bandmitglieder sind reine Anhängsel. Das Kollaborationsprojekt zwischen Murphy und dem Bassisten Mick Karn ergab ein deutlich hörbares Produkt der Mitte der 80er: basslastig, synthetisch und getragen von uneingeschränkter Experimentierfreude. Wer affin für 80er-Synthie-Art-Pop ist, findet hier seinen Reiz.

Daniel Ash, David J und Kevin Haskins wiederum gründeten Love And Rockets und verschmolzen Rock, kommerziellere Popformen und etwas Psych: ein kluger Schritt in Richtung Alternative Rock, der die Bandmitglieder abseits ihres früheren Images etablierte.

  • Dalis Car — The Waking Hour — ★★★★½
  • Love And Rockets — Seventh Dream Of Teenage Heaven — ★★★½

Späte Werke: Uneinheitlich

Peter Murphys spätere Soloalben zeigen Ambitionen, aber auch Stolpersteine. Stücke, die groß angelegt klingen wollen, laufen manchmal ins Pathetische; andere Nummern erinnern daran, dass seine Stimme nach wie vor dramatische Momente erzeugen kann. Ninth ist ein Beispiel für diese Ambivalenz: Kraftvoll an manchen Stellen, überladen an anderen.

  • Peter Murphy — Ninth — ★★½

Besser meiden

Das Comeback-Album einer Band ist oft kritisch beäugt — und in diesem Fall fällt die Bilanz eher negativ aus. Produktionen, die tonal nicht mehr zur ursprünglichen Kraft passen, sowie textliche Banalitäten lassen die Platte blass wirken. Die Studioaufnahme überzeugt selten, auch wenn die Live‑Gigs der Reunion teilweise gut ankamen.

  • Go Away White — ★★

Live-Aufnahmen: Perlen und Patzer

Die Live‑Diskografie ist groß und heterogen. Manche Veröffentlichungen wirken hastig zusammengestellt; andere dokumentieren eine Band, die auf der Bühne ihre Energie noch einmal neu bündelte. Zwei Empfehlungen stechen heraus:

  • Swing the Heartache — BBC‑Sessions: saubere Aufnahmen, experimentierfreudige Takes und ein Gefühl von Studiopräzision, das live selten so deutlich wird. ★★★★★
  • This Is for When… — London 1981: rohe Konzertaufnahmen, die Stimmung und Legendenbildung der frühen Jahre gut einfangen. ★★★★½

Achtung bei Sammelstücken ohne nachvollziehbare Quellen: Einige Bootlegs liefern qualitativ enttäuschende Mischungen und sollten vorsichtig bewertet werden.

Was bedeutet das heute?

Bauhaus sind nicht nur ein Kapitel der Musikgeschichte, sie sind eine Referenz, die bis in aktuelle Mode, Film- und Spielästhetik hineinwirkt. Wer neue Einsteiger oder Neugierige durch die Diskografie führen will, sollte mit In the Flat Field beginnen, dann die frühen Singles und BBC‑Aufnahmen anhören und von dort zu Solo‑ und Nebenprojekten übergehen.

Kurze Auswahlempfehlung zum Mitnehmen:

  • Must-hear: In the Flat Field, The Bela Session
  • Interessant: Mask, Deep (Peter Murphy)
  • Für Sammler: Swing the Heartache (BBC‑Sessions)
  • Vorsicht: Go Away White

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