Diese Woche übernahm Werner Herzog das Amt des Jurypräsidenten bei der 60. Berlinale – ein Moment, der nicht nur die Festivaljury, sondern auch Debatten über Kino, Wahrheit und Regiekunst neu belebt. Herzog, dessen Karriere zwischen Dokumentarfilm und Großepos oszilliert, bringt eine eigene Auffassung von Filmästhetik mit, die sich unmittelbar auf die Preisvergabe auswirken könnte.
Herzog gilt als Mitbegründer des Neuen Deutschen Films; sein Durchbruch kam vor Jahrzehnten mit Werken, die das konventionelle Filmschaffen infrage stellten. Seinen Ruf als unkonventioneller Filmemacher nährt eine lange Reihe außergewöhnlicher Dreharbeiten – darunter jene Produktion, die die Legende um Fitzcarraldo begründete und bis heute in Filmkreisen für Gesprächsstoff sorgt.
Vom Außenseiter zur Institution
Dem häufig kolportierten Image des einsamen Einzelgängers widerspricht Herzog selbst: Er ließ sich überreden, die Jury zu leiten, weil er das Festival nicht nur als Bühne, sondern als Arbeitsumfeld sieht. Gerade in Zeiten, in denen Nachwuchsregisseurinnen und -regisseure internationale Aufmerksamkeit erhalten, betont er den Wert von Auszeichnungen als Anerkennung – gleichzeitig bleibt er skeptisch gegenüber ihrer Bedeutung als letztes Urteil über Filmkunst.
Herzog macht einen Unterschied zwischen reiner Wettbewerbslogik und dem kulturellen Wert eines Films deutlich. Preise seien nützlich, um Aufmerksamkeit zu schaffen, aber sie ersetzten nicht die eigentliche Aufgabe des Films: tiefer liegende Wahrheiten zu erforschen.
Lehren, Schule, Stil
Auf die Frage, warum er die sogenannte Rogue Film School gegründet hat, nennt Herzog weniger technische Lehrinhalte als eine Geisteshaltung: eine Art Guerilla-Mentalität, die sich an junge Filmemacher richtet, die abseits etablierter Wege arbeiten wollen. Er sieht sich dabei nicht als allwissender Mentor, sondern als jemand, der Orientierung anbietet – basierend auf eigenen Erfahrungen abseits der Industrie.

- Mindset vor Methode: Fokus auf Improvisation, Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen.
- Praktische Lektionen: Umgang mit widrigen Drehsituationen, Organisation ohne große Budgets.
- Ästhetische Haltung: Suche nach überraschenden, intensiven Bildern statt strikter Dokumentation.
Diese Form der Vermittlung erklärt, warum zahlreiche junge Filmschaffende seine Arbeit als Orientierung ansehen.
Die Suche nach einer tieferen Wahrheit
Ein Schlüsselbegriff in Herzogs Werk ist die von ihm mehrfach beschriebene Idee einer „ekstatischen Wahrheit“. Im Gegensatz zum klassischen cinéma vérité zielt er nicht auf dokumentarische Nüchternheit, sondern auf Momente, die über das Sichtbare hinausweisen. Solche Augenblicke sollen durch Stilmittel, Inszenierung und gelegentliche Fiktionalisierung hervorgehoben werden.
Das gilt auch für seine Dokumentarfilme: Herzog setzt gezielt Gestaltung ein, um Wahrnehmung zu verschieben. Sein Film über die vulkanischen Brände in Kuwait etwa verließ bewusst die vertrauten Erkennungsmerkmale unserer Welt, um das Ausmaß menschlicher Zerstörung als fast außerweltliches Bild zu zeigen – ein Vorgehen, das beim Publikum und in der Kritik starke Reaktionen hervorrief.
Mensch gegen Natur – und ein persönlicher Hintergrund
Ein wiederkehrendes Thema in seinen Werken ist die Spannung zwischen Mensch und Landschaft. Herzog beschreibt diese Beziehung nicht primär als Konflikt, sondern oft als Echo seiner Kindheit in bergigen, technikfernen Regionen. Seine frühe, reduzierte Erfahrung mit modernen Kommunikationsmitteln prägt bis heute seine Arbeitsweise; Großaufgebote und Studioumgebungen reizen ihn weniger als Drehs in extremen, isolierten Landschaften.

Die Distanz zur technischen Zivilisation sieht er als ästhetischen Vorteil: Die Härte und Unmittelbarkeit entlegener Orte liefern ihm die Bilder, die seine Filme häufig prägen.
Komplexe Kollaboration mit Klaus Kinski
Die Zusammenarbeit mit Klaus Kinski bleibt eine polarisierende Episode. Herzog beschreibt die Beziehung als von Disziplin geprägt: Beide verfolgten rigide Arbeitsprinzipien, doch die Zusammenarbeit war zugleich ein Versuch, das Unberechenbare zu zähmen. Trotz der Spannungen führten diese dynamischen Konstellationen zu markanten filmischen Ergebnissen.
Prosa und Kino
Herzog schätzt seine schriftlichen Aufzeichnungen – etwa das Tagebuch zur Entstehung von Fitzcarraldo – als unmittelbarer und inhaltlich dichter als manch filmisches Ergebnis. Er argumentiert, dass Prosa weniger von externen Faktoren wie Finanzierung oder logistischer Organisation beeinflusst sei und deshalb direkter Ausdruck persönlicher Erfahrung sein könne.
| Werk | Form | Bemerkung |
|---|---|---|
| Fitzcarraldo | Spielfilm | Legendäre Dreharbeiten, mythologische Bildsprache |
| Aguirre, der Zorn Gottes | Spielfilm | Früher Erfolg; Werk wurde später zum Kultfilm |
| Lessons of Darkness | Dokumentarfilm | Stilisierte Darstellung der brennenden Ölfelder |
| The Conquest of the Useless (Buch) | Prosa / Tagebuch | Persönliche Aufzeichnungen zur Produktion von Fitzcarraldo |
Ob seine Texte in hundert Jahren noch gelesen werden, beantwortet Herzog mit stoischer Gelassenheit: Posterität interessiert ihn kaum, auch wenn er den Wert persönlicher Schilderungen hoch einschätzt. Für ihn zählt das unmittelbare Austauschen von Erfahrungen mehr als ein kalkuliertes Erbe.
Mit Blick auf die diesjährige Berlinale bedeutet seine Präsenz als Jurychef vor allem eines: eine verstärkte Aufmerksamkeit für Arbeiten, die experimentelle Ansätze suchen und traditionelle Grenzen infrage stellen. Wer bei der Preisvergabe auf unkonventionelle Perspektiven setzt, dürfte davon profitieren.
Das Gespräch entstand in einem Kreis von Journalisten im Vorfeld der Festivaljurysitzung.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.