Dass der Begriff „Vandale“ heute meist Zerstörungswut meint, verdeckt die historische Realität einer weitverzweigten germanischen Kultur. Ab Freitag zeigt das Badische Landesmuseum in Karlsruhe eine Ausstellung, die die politische, religiöse und materielle Entwicklung der Vandalen neu beleuchten will – und damit auch, wie Begriffe unsere Erinnerung formen.
Kuratorin Astrid Wenzel bezeichnet die Schau als beispiellos: Erstmals bündeln Museen aus mehreren Ländern umfangreiche Leihgaben, um die Geschichte dieser Gruppe zwischen Mitteleuropa und Nordafrika zusammenhängend darzustellen. Für die Vorbereitung arbeitete das Museum nach Angaben Wenzels mit einem zehnköpfigen Team und erhielt Objekte aus Tunisien, Algerien, Italien, Spanien und den USA.
Worum es geht
Die Ausstellung verfolgt die Bewegung eines Volkes, dessen Vorfahren aus dem Gebiet des heutigen Polen stammten und im 4. und 5. Jahrhundert weite Strecken nach Westen und Süden zurücklegten. Dabei spielen politische Eroberungen, Handelskontakte und kulturelle Anpassungen eine Rolle – etwa die Übernahme des Christentums auf dem Weg über Europa nach Nordafrika.

Besonders überraschend für viele Besucher dürfte sein, dass militärische Gewalt unter den damaligen Rahmenbedingungen kein Alleinstellungsmerkmal der Vandalen war. Historische Quellen und archäologische Funde zeigen, dass Plünderungen und kontrollierte Seerouten Teil eines größeren Strategiespiels um Ressourcen und Reichsbildung waren. So überquerten nach zeitgenössischen Berichten etwa 80.000 Menschen 429 von der Iberischen Halbinsel nach Nordafrika – eine logistische Herausforderung, die die Ausstellung detailliert nachzeichnet.
Was zu sehen ist
Rund 300 Exponate – darunter frühe christliche Reliquien aus Tunesien, Steinreliefs, Schmuckstücke, Mosaikfragmente und Keramik – veranschaulichen Alltag, Rituale und Herrschaftszeichen. Einige Objekte stammen aus Gräbern, andere aus städtischen Kontexten; gemeinsam geben sie Einblick in ein vielschichtiges Kulturgefüge.
- Religiöse Objekte: frühe christliche Reliquien und liturgische Funde
- Bestattungsmaterial: Sarkophage und Grabbeigaben, die soziale Differenz zeigen
- Kunsthandwerk: Schmuck, Mosaikfragmente und alltagsnahe Keramik
- Militärische und maritime Hinweise: Artefakte, die Mobilität und Kriegsführung belegen
| Thema | Kurzbeschreibung |
|---|---|
| Herkunft | Regionen nördlich der heutigen Polen, langsame West- und Südrichtung |
| Historischer Zeitraum | 4.–5. Jahrhundert n. Chr. mit Schwerpunkt auf der Etablierung in Nordafrika |
| Exponat-Typen | Sarkophage, Schmuck, Mosaike, Keramik, christliche Reliquien (≈ 300 Objekte) |
| Leihgeber | Tunesien, Algerien, Italien, Spanien, USA |
| Besonderheit | Erstmals umfassende internationale Zusammenschau zur Geschichte der Vandalen |
Für die Gegenwart hat die Ausstellung einen einfachen, aber wichtigen Effekt: Sie trennt das historische Subjekt von der heute gebräuchlichen Beschimpfung. Indem sie Politik, Religion und materielle Kultur zusammenführt, liefert sie eine sachliche Grundlage für Debatten über Migration, Erinnerung und Sprachgebrauch.
Die Schau eröffnet am Freitag und ist bis zum 21. Februar zu sehen. Besucherinnen und Besucher finden dort eine Mischung aus wissenschaftlicher Tiefe und anschaulicher Vermittlung – geeignet für Fachinteressierte wie für ein breiteres Publikum, das seine Vorstellung von der Antike und ihren Verästelungen hinterfragen möchte.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.