Eine ungewöhnliche Oper hat diese Woche im historischen Stadtbad Neukölln in Berlin Premiere gefeiert: Sängerinnen und Sänger treten teilweise im, teilweise unter dem Wasser auf und verknüpfen musikalische Experimente mit einer deutlichen Umweltbotschaft. Die Aufführung nutzt ungewöhnliche Klangquellen und technische Tricks, um das Thema Plastikmüll und Klimawandel sinnlich erfahrbar zu machen.
Eine Oper, die ins Wasser geht
Initiatorin und Hauptdarstellerin ist Claudia Herr, die als Jugendliche Leistungsschwimmerin war und später zum Gesang wechselte. In der Inszenierung steigt sie – in ein grünes Abendkleid gekleidet – direkt ins Becken und singt auch unter der Wasseroberfläche. Dafür trägt sie spezielle Lufttanks, während andere Sängerinnen und Sänger ohne zusätzliche Sauerstoffversorgung unter Wasser ihre Stimmen einsetzen.
Die so erzeugten, an Walgesänge erinnernden Klänge werden über eigens platzierte Mikrofone eingefangen und über Lautsprecher rund ums Becken hörbar gemacht. Parallel dazu fließen Tonaufnahmen ein, die von rund 100 Metern Tiefe unter einem antarktischen Eisschelf stammen; diese Verbindung von Naturaufnahmen und Live-Gesang bildet einen zentralen dramaturgischen Kontrast.
Inszenierung und Botschaft
Die Handlung folgt einer jungen Frau auf der Suche nach dem »Elixier der ewigen Jugend«. Auf ihrem Weg begegnet sie einer Art Schwertwal – dargestellt von einem Darsteller in schwarzer Kleidung – und einem Chor, der Seehunde verkörpert. Auffällig ist das visuelle Statement: Mülleimer sind im Wasser verteilt und machen die Problematik von Verschmutzung sichtbar.
Vor der Premiere gab es zudem eine kurze Live-Schaltung zur Forschungsstation Neumayer der Alfred-Wegener-Institut in der Antarktis, ein gezielter Hinweis auf die reale wissenschaftliche Dimension des Themas.
- Ort: Stadtbad Neukölln, Jugendstilarchitektur mit neo‑klassischen Säulen
- Vokaltechnik: Gesang unter Wasser teils mit Luftflaschen, teils ohne
- Klangquellen: Live-Stimmen, Hydrofonaufnahmen aus der Antarktis
- Visuelle Elemente: Mülleimer im Becken als Symbol für Verschmutzung
- Wissenschaftlicher Bezug: Live-Kontakt zur Neumayer-Station
- Laufzeit: 1. Mai bis 17. September
Die Wahl des Spielorts ist elementar: Das Stadtbad Neukölln, ein knapp hundert Jahre altes Gebäude im Jugendstil, lieferte der Künstlerin die Initialzündung. Bei ihrem ersten Besuch habe sie das Gefühl gehabt, »sich wie in einem Opernhaus« zu befinden, sagt sie über die Wirkung der Architektur auf das Projekt.
Für die musikalische Umsetzung arbeitete Herr mit der Komponistin Susanne Stelzen zusammen. Stelzen beschrieb ihre Recherchephase als experimentell: Sie hörte und testete Klänge selbst im Bad, um die gedämpfte und zugleich mystische Qualität von Unterwasserklang zu erkunden.
Warum das gerade jetzt relevant ist
Die Produktion verbindet künstlerische Innovation mit einem drängenden politischen Thema. Durch die Verlagerung des Konzertgeschehens in öffentliche Bäder werden neue Zielgruppen erreicht und das Bewusstsein für Meeres- und Umweltschutz auch außerhalb klassischer Debatten geschärft. Die Aufführung steht damit exemplarisch für zeitgenössische Kulturprojekte, die Kunst, Wissenschaft und Aktivismus verknüpfen.
Technisch eröffnet die Kombination aus hydroakustischen Aufnahmen und Live‑Performance zudem Fragen an die Gestaltung von Konzertformaten: Wie verändert sich Wahrnehmung, wenn Klang durch Wasser vermittelt wird? Welche neuen Ausdrucksmöglichkeiten entstehen, wenn Bühne und Publikum neu gedacht werden?
Die Oper läuft noch bis in den Spätsommer hinein und lässt sich als ein Beispiel dafür lesen, wie kulturelle Bühne und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zusammenwirken können, um drängende ökonomische und ökologische Fragen ans Publikum zu bringen.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.