Oswalt Kolle, einer der prägendsten Köpfe der deutschen Sexualaufklärung, ist tot. Sein Umfeld bestätigte, dass der Autor und Filmemacher am 24. September in Amsterdam nach längerer Krankheit gestorben ist – wenige Tage vor seinem 82. Geburtstag.
In den 1960er- und 1970er-Jahren lösten Kolles Bücher und Filme in der Bundesrepublik breite Debatten aus und trugen wesentlich dazu bei, das öffentliche Gespräch über Sexualität zu verändern. Für viele gilt er bis heute als Wegbereiter einer offeneren Gesellschaft.
Sein Sohn Stefan teilte mit, Kolle sei im Familienkreis gestorben; die Tochter seiner Lebensgefährtin Josee del Ferro bestätigte, dass Angehörige bereits eine Trauerfeier abgehalten hätten. Kolle lebte lange in Amsterdam und besaß die niederländische Staatsbürgerschaft.
Ursprünglich machte Kolle als Journalist von sich reden: Sein Durchbruch gelang 1960 mit einer Artikelserie über die Ehen bekannter Filmschauspieler. Bald verlagerte er sein Interesse jedoch auf ein Thema, das damals in Deutschland als Tabu galt.
Aus dieser Neuausrichtung entstanden Sachbücher, die in mehr als einem Dutzend Sprachen erschienen – darunter Chinesisch – sowie mehrere Lehrfilme. Sein wohl bekanntestes Werk für die Leinwand feierte im Januar 1968 Premiere: Das Wunder der Liebe – Sex in der Ehe zog in Europa große Zuschauermengen an, stieß aber zugleich auf Widerstand und wurde in Teilen Belgiens und der Schweiz zensiert.
Konfrontationen mit Institutionen begleiteten Kolles Arbeit wiederholt. Er stritt sich mit der deutschen FSK um einzelne Filmszenen, geriet in Konflikt mit kirchlichen Kreisen und stand immer wieder im Fadenkreuz konservativer Politiker.
Auch in späteren Jahren blieb Kolle politisch aufmerksam: In einem Interview verurteilte er Aussagen des Augsburger Bischofs Walter Mixa, der die gesellschaftlichen Umbrüche der sexuellen Revolution in Zusammenhang mit Missbrauchsfällen brachte. Kolle widersprach solchen Verkürzungen deutlich.
Sein Hinter- bzw. Nachlass in Zahlen:
- Geboren: 2. Oktober 1928 in Kiel; aufgewachsen in Frankfurt.
- Gestorben: 24. September (Amsterdam), nach längerer Krankheit.
- Filme: Acht Kinoproduktionen, die insgesamt rund 60 Millionen Zuschauer erreichten.
- Publikationen: Bücher in etwa 12 Sprachen; mehrere Werke verfilmt.
- Wohnort: Amsterdam; Inhaber der niederländischen Staatsbürgerschaft.
Seine zentrale Botschaft ließ sich einfach zusammenfassen: Während Liebe ein persönlicher Prozess bleibe, könne über Sexualität aufgeklärt und informiert werden. Diese Haltung traf den Nerv einer Gesellschaft, die zwischen Tradition und Veränderung stand.
Warum das heute noch relevant ist: Die Debatten, die Kolle anstieß — um Sexualaufklärung, mediale Darstellung von Intimität und die Rolle der Kirche in Moralfragen — prägen auch aktuelle Auseinandersetzungen um Bildungspläne, Jugendschutz und institutionelle Verantwortung. Kolles Arbeit bleibt ein Referenzpunkt dafür, wie gesellschaftlicher Wandel öffentlich verhandelt werden kann.
Sein Wirken wird kontrovers bewertet: Für manche war er Provokateur, für viele andere ein notwendigen Impulsgeber auf dem Weg zu offeneren Gesprächen über Sexualität und Partnerschaft. Dass seine Filme und Bücher bis heute diskutiert werden, spricht für die nachhaltige Wirkung seiner Veröffentlichungen.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.