In Berlin sorgt derzeit eine ungewöhnliche Begegnung für Gesprächsstoff: Eine preisgekrönte Breakdance-Formation bringt Werke von Johann Sebastian Bach auf die Bühne — und zeigt, wie barocke Strukturen und urbane Bewegungskultur miteinander reagieren. Für Zuschauer heißt das: eine vierzehn- bis zwölfnächtige Auseinandersetzung zwischen akrobatischem Tanz, elektronischen Klängen und klassischer Präzision.
Ab Dienstag treten die Berliner Flying Steps, mehrfacher Weltmeister im Breakdance, an zwölf Abenden zu Kompositionen aus Bachs „Das Wohltemperierte Klavier“ auf. Die Aufführungen finden in der Neuen Nationalgalerie statt und kombinieren traditionelle Instrumente mit modernen Soundbearbeitungen.

Die musikalische Grundlage reicht von Klavier- und Cembalostücken bis hin zu elektronisch verstärkten Arrangements, die durch die Lautsprecher des Museums eine neue Klangfarbe erhalten. Auf der Bühne antworten sechs Tänzer mit einer Mischung aus Breakdance, Akrobatik und Bewegungsstilen, die mit klassischen Tanzformen kaum zu vergleichen ist.

Für die Leitung des musikalischen Konzepts zeichnete der deutsche Regisseur und musikalische Leiter Christoph Hagel verantwortlich. Er betont, dass seine Aufgabe darin bestand, der Gruppe die Feinheiten von Bachs Kompositionen nahezubringen, ohne die Choreografie vorzuschreiben.
Die Zusammensetzung der Besetzung bleibt bewusst heterogen: Neben den Flying Steps stehen mit Yui Kawaguchi eine zeitgenössische Tänzerin auf der Bühne, und der Videokünstler Marco Moo projiziert live Bildwelten auf Wände, Fenster und zeitweise auf ein von den Performern gehaltenes Tuch.
Die Produktion zielt nicht allein auf Effekthascherei. Stattdessen suchen die Macher nach einer Balance zwischen technischer Virtuosität und musikalischer Empathie: Bewegungen, die auf leise musikalische Details reagieren, wechseln sich mit rein akrobatischen Sequenzen ab.
Für Hagel war die Erfahrung überraschend: In seinen Augen lässt sich Breakdance oft direkter an Bachs Formensprachen koppeln als etwa klassisches Ballett. Die unprätentiöse Herangehensweise der Tänzer, so Hagel, ermögliche ein unmittelbares Hörerlebnis — ein Argument dafür, traditionelle Konzertformen zu überdenken.
- Ensemble: Flying Steps (sechs Tänzer), plus Yui Kawaguchi
- Musik: Johann Sebastian Bach – Das Wohltemperierte Klavier (Piano, Cembalo, elektronische Bearbeitungen)
- Regie / musikalische Leitung: Christoph Hagel
- Visuelle Gestaltung: Live-Projektionen von Marco Moo
- Ort: Neue Nationalgalerie, Berlin
- Spielzeit: zwölf Abende, laufend bis 1. Mai
Die ästhetische Verschiebung hat Folgen: Solche Projekte öffnen klassische Programme für ein jüngeres Publikum und fordern Museen und Spielstätten heraus, ihre Räume anders zu nutzen. Zugleich wirft die Verbindung Fragen auf, etwa wie musikalische Intention erhalten bleibt, wenn Werke durch elektronische Bearbeitung und tänzerische Adaption transformiert werden.
Einige Passagen sind bewusst kurz gehalten — schnelle, impulsive Breakdance-Passagen stehen neben längeren, fein austarierten Momenten, in denen Stille und leise Nuancen den Takt angeben. Dieses Spiel mit Kontrasten ist Teil des Konzepts und erklärt, warum die Vorstellung als weniger reines Spektakel denn als künstlerische Auseinandersetzung verstanden werden will.
Wer die Uraufführung verpasst hat: Die Reihe läuft noch bis zum 1. Mai und lädt dazu ein, das Verhältnis zwischen alter Musik und urbaner Szene neu zu verhandeln — ein Experiment, das klassische Programmpraxis genauso berührt wie die Wahrnehmung von zeitgenössischem Tanz.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.