Ein kanadischer Dramatiker bringt die umstrittene Figur des früheren Sobibor-Wächters John Demjanjuk jetzt auf die Bühne – und zwar mitten in dem laufenden Münchner Verfahren gegen den 89-Jährigen. Die Premiere in Heidelberg am 31. März wirft zugleich Fragen auf, wie Theater und Justiz mit der Aufarbeitung der NS-Verbrechen umgehen.
Der Mann, gegen den in München wegen Beihilfe zur Ermordung von rund Sobibor-Opfern verhandelt wird, sitzt seit Mai 2009 in Untersuchungshaft in der bayerischen Hauptstadt; zuvor war er aus seinem Wohnort in Cleveland (Ohio) nach Deutschland abgeschoben worden. Die Anklage weist ihm vor, an der Tötung von etwa 27.900 Menschen in dem Vernichtungslager beteiligt gewesen zu sein.
Aus dem Gerichtssaal auf die Bühne
Der 36-jährige, jüdisch-kanadische Autor Jonathan Garfinkel hat die Figur Demjanjuk nun in ein Bühnenstück verwandelt, das er als Holocaust-Kabarett beschreibt. Unter dem Titel „Die Demjanjuk Prozesse“ debütiert das Stück Ende März in Heidelberg und läuft bis Ende Mai.

Garfinkel will keine einfache Verteidigung oder Anklage schreiben, sondern einen Blick auf die alltäglichen Seiten des Angeklagten werfen: Ein Mann, privat als Familienvater und Hobbygärtner skizziert, der vor Gericht oft stumm und in einem Rollstuhl sitzt. Diese Ambivalenz – zwischen banalem Alltag und schwerster Schuldzuweisung – treibt das Stück an.
Der Autor macht zugleich keinen Hehl daraus, dass er die historischen, belastenden Rollen nicht ausblenden will: Die Gestalt „Ivan, der Schreckliche“, unter der Demjanjuk in früheren Verfahren in Israel berühmt-berüchtigt wurde, bleibt als dramatisches Alter Ego präsent.
Warum das jetzt relevant ist
Das Theaterprojekt fällt in eine Phase, in der Deutschland erneut vor der juristischen und moralischen Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen steht. Die Inszenierung berührt Fragen der Erinnerungskultur: Wie soll Öffentlichkeit mit Täterschaft umgehen, wenn Prozesse Jahrzehnte nach den Taten stattfinden? Welchen Raum soll Kunst für die Darstellung von Täterbiografien haben?
- Anklagepunkt: Beihilfe zur Tötung von rund 27.900 Menschen in Sobibor.
- Strafverfahren: Laufender Prozess in München; der Angeklagte in Haft seit Mai 2009.
- Bühnenprojekt: „Die Demjanjuk Prozesse“ von Jonathan Garfinkel, Premiere am 31. März in Heidelberg, Laufzeit bis Ende Mai.
- Vorherige Verfahren: Israelischer Prozess 1987 (Verurteilung), spätere Entlastung 1993.
Garfinkel, der selbst in einem Umfeld aufwuchs, in dem die Geschichten des Holocaust präsent waren, sagt, ihn habe besonders die Perspektive der Täter interessiert. Seine Intention sei nicht, Schuld zu relativieren, sondern die Komplexität menschlicher Biografien sichtbar zu machen. Er betont, dass er Demjanjuk nicht für unschuldig halte, zugleich aber der Auffassung sei, der Mann habe vergangene juristische Auseinandersetzungen bereits „bezahlt“.
Die Inszenierung dürfte Diskussionen entfachen: Einerseits über künstlerische Verantwortung im Umgang mit historischen Verbrechen, andererseits über die Rolle der Justiz bei der späten Aufarbeitung. Kritiker und Zuschauer werden abwägen, ob ein „Kabarett“-Format dem ernsten Gegenstand gerecht wird oder ihn verfremdet.
Unabhängig von Bewertungen unterstreicht das Projekt, wie Gegenwart, Erinnerung und Rechtsprechung weiterhin ineinanderwirken – und warum solche Debatten auch heute noch Bedeutung haben.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.