Köln untersucht 400 Jahre alten Hexenfall neu

Mai 14, 2026

Cologne witchcraft trial reopens after 400 years

In Köln wird am Montag ein historischer Justizfall neu verhandelt: Die Stadt prüft, ob die vor fast vier Jahrhunderten hingerichtete Katharina Henot formal von Hexerei freigesprochen werden kann. Die Wiederaufnahme hat nicht nur symbolische Bedeutung – sie wirft auch die Frage auf, ob heutige Institutionen historische Unrechtstaten juristisch aufarbeiten sollten.

Henot galt als angesehene Bürgerin und leitete die städtische Poststelle, bevor sie 1627 inhaftiert wurde. Zeitgenössische Chroniken und moderne Forschungen legen nahe, dass politische Motive und Neid hinter den Anschuldigungen stecken könnten, nicht ein tatsächlicher Bezug zu okkulten Praktiken.

Was im Prozess vorgefallen ist

Berichten zufolge wurde Henot in Haft gefoltert. Die Misshandlungen sollen so schwer gewesen sein, dass sie die Beweglichkeit ihrer rechten Hand verlor und ihr letztes schriftliches Bekenntnis nur noch mit der linken Hand zustande kam. Trotz ihres Protestes fiel das Gericht hart und verurteilte sie zum Tode. Zeitzeugen berichten, dass sie öffentlich zur Hinrichtungsstätte gebracht und dort verbrannt wurde.

Formell sind viele vermeintliche Hexenprozesse bis heute nicht juristisch aufgehoben; in den Akten erscheinen die Verurteilten weiterhin als schuldig. Genau das soll nun im Fall Henot neu bewertet werden — von einem Gremium, das historisch eng mit den damaligen städtischen Entscheidungen verbunden ist.

Wer die Wiederaufnahme angestoßen hat

Die Initiative ging von dem evangelischen Pfarrer und Religionspädagogen Hartmut Hegeler aus, der den Stadtrat um eine Prüfung bat. Auslöser waren Nachfragen von Studierenden, die sich mit der Geschichte der Hexenverfolgungen beschäftigten und entdeckten, dass Henot nie formal rehabilitiert worden war.

Hegeler suchte daraufhin Angehörige und fand unter anderem entfernte Verwandte wie Martina Hirtz. Für sie ist die Frage der Wiedergutmachung persönlich: Sie hält eine formale Aufhebung des Urteils für angemessen, sieht aber gleichzeitig das weiterreichende Problem historischer und aktueller Ungerechtigkeiten gegenüber vielen Leuten.

  • Wer: Katharina Henot, Leiterin der Kölner Poststelle (frühes 17. Jahrhundert).
  • Vorwurf: Hexerei — mutmaßlich politisch motiviert.
  • Historischer Kontext: In Deutschland wurden schätzungsweise rund 25.000 Menschen, überwiegend Frauen, der Hexerei beschuldigt und viele hingerichtet.
  • Aktueller Schritt: Wiederaufnahme des Verfahrens durch ein städtisches Gremium am Montag.
  • Mögliche Folgen: Symbolische Rehabilitierung Henots; Impuls für weitere Überprüfungen ähnlicher Fälle.

Außerhalb der Akten hat Henots Schicksal Spuren im Stadtbild und in der Kultur hinterlassen: Es gibt literarische Arbeiten, ein Lied und eine Skulptur vor dem Kölner Rathaus, geschaffen von einer Nachfahrin. Die Plastik zeigt eine Frau, die auf das Feuer unter ihren Füßen verweist und sich zugleich verteidigend hebt — ein Zeichen gegen das Vergessen.

Warum das heute relevant ist

Die mögliche Rehabilitierung ist mehr als historische Korrektur: Sie berührt Fragen nach Verantwortung, Erinnerungskultur und der Rolle moderner Behörden bei der Aufarbeitung alter Verbrechen. Ein formaler Freispruch würde juristisch wenig ändern, könnte aber als Signal dienen, dass staatliche Institutionen vergangenes Unrecht anerkennen und dokumentieren.

Gleichzeitig bleibt die praktische Wirkung begrenzt: Viele Betroffene der Hexenprozesse sind anonym, und systematische Aufarbeitungen fehlen oft. Fachleute sehen in Einzelfällen wie dem Henot‑Verfahren dennoch einen Hebel, um öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen und weitere Prüfungen anzustoßen.

Ob und wie der Rat in Köln entscheidet, bleibt abzuwarten. Unabhängig vom Ausgang hat die Wiederaufnahme den Diskurs über historisches Unrecht in deutschen Städten wieder angestoßen und erinnert daran, dass juristische Erinnerungsarbeit auch heute noch Bedeutung hat.

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