Ein legendärer Treffpunkt der Berliner Subkultur steht unter Druck: Die alternative Galerie Wallywoods wird vom Bezirk vor die Tür gesetzt — und damit droht ein Stück unabhängiger Kulturszene in Weißensee zu verschwinden. Für die Stadt bedeutet das nicht nur Verlust von Auftritts- und Proberäumen, sondern auch eine politische Auseinandersetzung um Zweckentfremdung und mögliche Privatisierung öffentlicher Räume.
Paul Woods, dessen Spitzname im Umfeld Wallywoods längst Programm ist, hat eine schlichte künstlerische Obsession: Stühle. Er füllt Wände mit Hunderten skizzenhafter Sitzmöbel und baut derzeit aus ausgedienten Klavieren monumentale Sitzkonstruktionen — oft mit einer dunklen, ironischen Note, die manche als provokant bezeichnen.
Das Projekt residiert im Kulturhaus Peter Edel, einem ehemaligen DDR-Kulturzentrum in Weißensee. Die Räume sind ein Sammelbecken für Performances, Malerei, laute Musik und improvisierte Partys; hier treffen sich Musiker, bildende Künstler, Spoken-Word-Akteure und Leute, die in etablierten Institutionen keinen Platz finden.
Die Atmosphäre ist rau, aber produktiv: Statt gegenseitiger Selbstbestätigung treibt hier eine nervöse Unruhe die Kreativen an. Manche Anekdoten wirken anarchisch — etwa ein Jugendlicher, der nachts aufgetaucht sein soll, wild auf einem Keyboard gespielt und dann wieder verschwunden ist. Solche Geschichten sind Teil der lokalen Legende.
Konflikt mit dem Bezirk
Seit Monaten tobt ein Konflikt mit dem Bezirksamt Pankow. Die Verwaltung sieht den befristeten Nutzungsvertrag als beendet; Woods hingegen zahlt weiter Miete und weigert sich zu gehen. Sein Argument: Er wolle seine Arbeiten fertigstellen und das Haus vor dem Verfall bewahren, solange kein plausibles Konzept für die Nachnutzung vorliege.

Aus Sicht der Bezirksverantwortlichen, darunter die Linken-Politiker Christine Keil und Matthias Zarbock, wird nach privaten Partnern mit kulturellen Konzepten gesucht. Konkrete Verhandlungen oder Einsicht in Vorschläge von Woods lehnen sie ab — offiziell mit dem Hinweis, der Künstler sei kein verlässlicher Gesprächspartner.
Woods beklagt politische Ignoranz: Er wirft dem Bezirk vor, die Räume lieber verrotten lassen zu wollen, statt unkonventionelle Angebote ernsthaft zu prüfen. Für ihn steht mehr auf dem Spiel als nur ein Atelier: Es geht um die Zukunft eines öffentlich geförderten Hauses und um das Recht experimenteller Kultur auf Sichtbarkeit.
Bedingungen vor Ort
Die Lebensbedingungen im Haus sind prekär. Wasser und Heizung sind eingeschränkt — nach Woods Angaben sogar teilweise sabotiert —, weshalb er auf mobile Gasheizer und Decken angewiesen ist. Gleichzeitig organisiert er Beharrlichkeit: Briefe an Behörden, Appelle in sozialen Netzwerken und gelegentliche öffentliche Aktionen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Seine Taktiken haben bisher Zeit erkauft. Monat für Monat verlängerte er die Frist, indem er formale Gründe anführte oder Verhandlungen anstoßen wollte. Schließlich zog er mit rund 40 Unterstützern zum Rathaus, begleitet von Bannern, Trommeln und einem fahrbaren Riesensessel; ein Protest, der nach seiner Darstellung zumindest kurzfristig Wirkung zeigte.
- Gefährdete Räume: Verdrängung freier Kulturorte durch fehlende öffentliche Finanzierung oder Verkauf an private Investoren.
- Soziale Folgen: Wegfall von Proberäumen, Arbeitsplätzen für Freischaffende und niedrigschwelligen Kulturangeboten.
- Immobilienrisiko: Ohne Investor droht Vermarktung oder gar Abriss eines historischen Kulturhauses.
Perspektiven
Woods weiß, dass seine Aufschubstrategie nicht unbegrenzt funktionieren kann. Er bereitet sich bereits auf einen Neuanfang unter anderem Namen vor — ein Projekt, das die Energie von Wallywoods konservieren und in veränderter Form weiterführen soll. Für viele Künstler bleibt die Frage offen, ob die Berliner Politik solche Initiativen künftig ernsthaft fördern will.
Die Auseinandersetzung ist exemplarisch für ein größeres Problem: Wie geht eine wachsende Stadt mit autonomen Kulturorten um, die weder zu etablierten Förderstrukturen passen noch kommerziellen Nutzungslogiken folgen? Die Antwort darauf entscheidet über die Vielfalt des kulturellen Angebots in den kommenden Jahren.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.