Ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, das nach Ermittlungen der bayerischen Polizei vermutlich dem NS-Kunstraub entstammt, ist nach einem Auftritt bei einer Antiquitäten-TV-Sendung in München sichergestellt worden. Die Entdeckung rückt alte Raubfälle und die Frage nach Rückgabe und Provenienzprüfung wieder in den Fokus.
Die Spur begann mit einem öffentlichen Aufruf der Ermittler: Nach Hinweisen suchte die Polizei nach dem Besitzer des Werkes — kurz darauf meldete sich eine Verwandte und gab an, das Bild in der Wohnung eines Angehörigen im Münchner Westend entdeckt zu haben.
Ludwig Waldinger, Sprecher der Münchner Polizei, erklärte, dass das Gemälde am Freitag sichergestellt wurde. Die mutmaßliche Besitzerin selbst sei derzeit schwer krank und in stationärer Behandlung; sie ist 93 Jahre alt. Ob sie noch vernommen werden kann, sei ungewiss.
Das Werk, das dem flämischen Maler Frans Francken dem Jüngeren zugeschrieben wird und auf das Jahr 1606 datiert ist, trägt den Titel „The Sermon on the Mount (Paul in Lystra)“. Nach ersten Einschätzungen beträgt sein Wert rund 100.000 Euro. Es soll offenbar aus dem Bestand des sogenannten Führerbaus stammen, wo die Nationalsozialisten umfangreiche Sammlungen lagerten.
Historische Dokumente verweisen darauf, dass das Gemälde einer französischen Familie gehörte und am 14. Oktober 1943 von einem Kunsthändler in Dresden erworben worden war. Viele der dort gesammelten Werke waren Teil des Projekts Sonderauftrag Linz, mit dem Hitler Kunst für ein geplantes Museum in Linz zusammentragen ließ; zahlreiche Bilder blieben nach Kriegsende verschwunden.
Der konkrete Kontakt zum Fundort entstand durch die Teilnahme eines männlichen Verwandten bei der Sendung „Kunst und Krempel“ des Bayerischen Rundfunks. Dort untersuchte ein Gutachter das 33 × 79,5 Zentimeter große Bild und äußerte den Verdacht, es könne geraubt worden sein. Den Behörden meldete der Experte seine Recherchen erst rund ein halbes Jahr später.
Der Fernsehsender berief sich auf den Schutz journalistischer Quellen, woraufhin die Polizei ihre Suche öffentlich machte — mit dem Ergebnis, dass ein Anruf aus dem Umfeld der Besitzerin auf den Fund hinwies.
Was jetzt zu klären ist
Die Ermittler versuchen nun, die Lücken in der Provenienz aufzudecken: Wer war der rechtmäßige Eigentümer vor 1945? Ist das Werk tatsächlich aus der Sammlung des Führerbaus entwendet worden? Und welche Ansprüche bestehen heute?
- Künstler: Frans Francken der Jüngere
- Entstehungsjahr: 1606
- Titel: „The Sermon on the Mount (Paul in Lystra)“
- Maße: 33 × 79,5 cm
- Veranschlagter Wert: ca. 100.000 Euro
- Letzte belegte Transaktion: Kauf durch einen Dresdner Kunsthändler, 14. Oktober 1943
- Aktuelle Situation: Sicherstellung durch Münchner Polizei; Eigentums- und Provenienzfragen werden untersucht
Behördlich sind bereits Zuständigkeiten skizziert: Sollte sich herausstellen, dass das Bild direkt aus Hitlers Sammlung stammt, würde das bayerische Finanzministerium die weiteren Schritte koordinieren. Gehört das Werk einem Privatvollen, käme das bundesstaatliche Restitutionsverfahren zum Tragen, so die Angaben der Polizei.
Zu klären bleibt zudem, ob frühere Berichte über einen möglicherweise jüdischen ursprünglichen Besitzer zutreffen — die Ermittler nennen diese Angaben derzeit als nicht gesichert. „Es sind noch viele Fragen offen“, sagte Waldinger.
Die Angelegenheit macht deutlich, wie komplex die Aufarbeitung von Kunstraub aus der NS-Zeit nach wie vor ist: Aktenlage, Zeugenaussagen und verschollene Übergabedokumente erschweren schnelle Lösungen, während die Zeit drängt, weil viele Zeitzeugen und mögliche Besitzer älter werden.
Rechts- und kulturpolitisch ist der Fall relevant: Er betrifft nicht nur die Rückgabe einzelner Objekte, sondern auch das Vertrauen in Museen und Sammlungen sowie die Seriosität von Provenienznachweisen. Die Polizei hat das Gemälde derzeit in Verwahrung; mit den weiteren Forschungen zur Herkunft soll entschieden werden, ob und wie es zurückgegeben oder öffentlich zugänglich gemacht wird.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.