Mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat ein US-Veteran zwei seltene Drucke aus dem 16. Jahrhundert, die er aus einem deutschen Salzbergwerk mitgenommen hatte, offiziell an die deutsche Seite zurückgegeben. Die Übergabe im Nationalarchiv in Washington ist mehr als eine Geste der Reparatur — sie verweist auf anhaltende Fragen zu Raubgut, Provenienzforschung und der Rückgabe kulturellen Erbes.
Bei der Zeremonie übergab der 83-jährige Ex-Soldat Robert Thomas die beiden Bände an den deutschen Botschafter Klaus Scharioth. Die Bücher waren ursprünglich in einem Stollen in Merkers nahe Frankfurt eingelagert worden, wo die Nationalsozialisten Kunstwerke, Goldreserven und Bibliotheksbestände sicher verstecken ließen.
Was genau wurde zurückgegeben
Die beiden Werke stammen aus dem Spätmittelalter/Renaissance-Zeitalter: Ein Band von 1573 mit landesrechtlichen Texten aus Preußen und ein 1593 erschienener, reich illustrierter Kommentar zum römischen Recht. Vor dem Krieg gehörten sie der Ordnung nach dem Diözesanmuseum Paderborn beziehungsweise der Universitätsbibliothek Bonn.

- Fundort: Salzbergwerk Merkers, Deutschland
- Entstehungsjahre: 1573 und 1593
- Vorbereitende Maßnahmen: Der Veteran lagerte die Bände in seinem Haus in dunklen, kühlen Kisten
- Rückgabe-Prozess: Nationale Archive in den USA vermittelten den Kontakt zu den Voreigentümern
Thomas erinnerte sich, als junger Infanterist in einen riesigen Raum voller Bücher gestolpert zu sein. Die Schätze, so sagte er, habe er als Souvenir mit in die Vereinigten Staaten genommen und dort Jahrzehnte verwahrt. Vor Kurzem wandte er sich an das Nationalarchiv, das die rechtmäßigen Besitzer ermitteln konnte und die Rückgabe anregte.
„Es fühlt sich richtig an, diese Bände zurückzugeben“, erklärte Thomas bei der Übergabe. Botschafter Scharioth kündigte an, die Werke würden wieder in den ehemaligen Sammlungsbestand der beiden deutschen Einrichtungen eingegliedert.
Bedeutung über den Einzelfall hinaus
Die Rückgabe ist nicht nur symbolisch: Sie zeigt, wie individuell initiiertes Handeln, behördliche Recherche und internationale Kooperation zusammenwirken können, um geraubte oder verschobene Kulturgüter an ihre Herkunftsinstitutionen zurückzuführen. Für Museen und Bibliotheken bedeutet das Wiedererlangen seltener Exemplare eine Ergänzung historischer Bestände und eine Chance, Forschungslücken zu schließen.
Gleichzeitig erinnert der Fall an die laufende Herausforderung der Provenienzforschung — also die wissenschaftliche Klärung, wie Objekte ihre Besitzer wechselten. Solche Vorgänge haben rechtliche, ethische und kulturelle Dimensionen: Sie betreffen Erinnerungskultur, nationale Beziehungen und institutionelle Verantwortung.
Für die beteiligten deutschen Häuser ist die Rückkehr ein praktischer Gewinn und ein politisches Signal. Scharioth betonte, die Aktion sei Ausdruck von Vertrauen und guter bilateraler Zusammenarbeit; für die Öffentlichkeit eröffnen sich neue Zugänge zu historisch wertvollen Quellen.
Langfristig könnte der Fall auch andere Eigner ermutigen, ihre Archive zu durchforsten und mit internationalen Institutionen zusammenzuarbeiten. Er macht deutlich: Selbst Jahrzehnte nach dem Krieg lässt sich Stück für Stück historische Gerechtigkeit herstellen — vorausgesetzt, es gibt Transparenz, Dokumentation und die Bereitschaft zur Kooperation.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.