Die Münchner Polizei sucht Zeugen, nachdem ein knapp 400 Jahre altes Gemälde des flämischen Malers Frans Francken des Jüngeren erneut in den Fokus geraten ist: Das Bild, das offenbar während der NS-Zeit einer jüdischen Familie entzogen wurde, war vor Jahren in einer Fernsehsendung vorgestellt worden. Der Fall wirft Fragen zu Eigentumsrechten, Rückgabeansprüchen und möglichen strafrechtlichen Folgen auf.
Betroffen ist das Werk mit dem deutschen Titel Die Bergpredigt (Paulus in Lystra), das von Experten heute mit rund 100.000 Euro bewertet wird. Es handelt sich um ein längliches Bild im Format 33 x 79,5 Zentimeter, das 2008 in der Sendung Kunst und Krempel präsentiert wurde.
Nach Angaben der Ermittler fiel der Verdacht auf Raubkunst, als ein Kunstfachmann die Sendung sah und Nachforschungen anstellte. Einige Monate später informierte der Experte die Behörden, weil Hinweise darauf hindeuteten, dass das Gemälde einst aus einem jüdischen Besitz stammte und während der NS-Zeit in staatlichen Verfügungsbereich gelangt sein könnte.

Die Polizei rekonstruiert den Weg des Bildes bis zu einer Familie aus Dresden, die es ursprünglich über eine Galerie erworben hatte. Unter dem Vorwand, Werke für ein geplantes Museum in Linz zusammenzutragen, gelangte das Stück in den Zugriff der Nationalsozialisten – die Übernahme erfolgte nach heutigen Erkenntnissen offenbar unter Zwang, begleitet von einer symbolischen Zahlung und einer schriftlichen Empfangsbestätigung.
Die Behörden verfügen laut ihren Angaben über diese Quittung, die Teil der historischen Spurführung ist. Bevor das Gemälde jedoch in Richtung Linz verbracht werden konnte, rückte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs US-Militär in die Region vor. Ab April 1945 verliert sich die Spur des Bildes weitgehend.

Seitdem lässt sich der Verbleib des Werks für lange Zeit nicht eindeutig nachvollziehen. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Bild möglicherweise aus dem Münchner Empfangsgebäude Hitlers, dem Führerbau, entwendet wurde – wann und von wem bleibt unklar.
- Künstler: Frans Francken der Jüngere
- Titel: Die Bergpredigt (Paulus in Lystra)
- Maße: 33 x 79,5 cm
- Geschätzter Wert: etwa 100.000 €
- Erstmals in TV gezeigt: 15. November 2008, Sendung „Kunst und Krempel“
- Provenienz: Erworben von einer jüdischen Familie in Dresden; in der NS-Zeit zwangsweise übernommen (Quittung vorhanden)
Die strafrechtliche Bewertung hängt nach Angaben der Ermittler davon ab, wie die jetzige Besitzsituation zu erklären ist: Wer das Werk heute ohne Kenntnis der belasteten Herkunft besitzt, könnte sich unter Umständen des Umgangs mit gestohlenen Gegenständen strafbar machen. Zugleich steht die Frage nach möglichen Erben und einem Anspruch auf Rückgabe im Raum.
Bei dem Versuch, den Einreicher der Fernsehsendung als Zeugen zu befragen, stießen Ermittler auf Grenzen: Der zuständige öffentliche Rundfunk, Bayerischer Rundfunk, verweigerte die Offenlegung der Person, die das Gemälde zur Begutachtung brachte, und berief sich auf den Schutz journalistischer Quellen.
Die Polizei betont, dass die Suche nach Eigentümern und Zeitzeugen fortgesetzt wird. Unklar ist, ob Angehörige der ursprünglichen Familie noch zu ermitteln sind; deshalb appellieren die Ermittler an mögliche Zeugen, Angaben zu machen, die zur Klärung der Provenienz beitragen könnten.
Der Fall zeigt erneut, wie kompliziert die Aufarbeitung von Kunstraub aus der NS-Zeit ist: Selbst gut dokumentierte Spuren können im Laufe von Jahrzehnten abbrechen, während rechtliche und moralische Ansprüche an den aktuellen Besitzer knüpfen.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.