Zweiter Weltkrieg in Entwicklungsländern: neue Ausstellung löst Empörung aus

Oktober 24, 2026

Zweiter Weltkrieg in Entwicklungsländern: neue Ausstellung löst Empörung aus

Eine Berliner Ausstellung, die den Beitrag außereuropäischer Gesellschaften zum Zweiten Weltkrieg thematisiert, sorgt kurz nach ihrer Eröffnung für hitzige Debatten: Kritiker werfen den Kuratoren vor, offenbar Nazi-Sympathisanten ein Forum zu geben — daraufhin wurde der Ausstellungsort in letzter Minute verlegt. Die Auseinandersetzung wirft grundsätzliche Fragen darüber auf, wie Erinnerungskultur globale Perspektiven einbezieht und welche Narrativen dabei ausgespart werden.

Die Schau mit dem Titel „The Third World in the Second World War“ beruht auf mehrjährigen Recherchen in über dreißig Ländern. Initiatorenteam und Forschende von Recherche International hatten bereits 2005 ein Buch veröffentlicht, das Stimmen aus dem globalen Süden in die Kriegsdarstellung rücken wollte.

Was die Ausstellung zeigt

Gezeigt werden Beiträge von Soldaten, Widerstandsgruppen und zivilgesellschaftlichen Akteuren außerhalb Europas, die sich gegen den Faschismus stellten. Zugleich dokumentiert die Ausstellung Fälle von Kollaboration und antijüdischen Verfolgungen in Regionen, die in klassischen Darstellungen des Krieges selten vorkommen.

Archivbilder von Soldaten und Widerstandsgruppen außerhalb Europas
Material zeigt Beiträge von Soldaten und zivilen Akteuren außerhalb Europas im Kampf gegen den Faschismus.

Die Kuratoren betonen, es gehe darum, eine bislang vernachlässigte Perspektive sichtbar zu machen und die übliche Eurozentrik in der Erinnerungspolitik aufzubrechen. Die Eröffnung in Berlin war bewusst zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns in Europa terminiert.

Der Konflikt um den Ausstellungsort

Wenige Tage vor der angekündigten Eröffnung nahmen Aktivistengruppen Kontakt zur Leitung der ursprünglich geplanten Spielstätte auf. Philippa Ebéné, Direktorin der Werkstatt der Kulturen, forderte die Streichung von Teilen der Ausstellung, die ihrer Auffassung nach Kollaborateure in problematischer Nähe zu Widerstandskämpfern darstellten.

Leeres Veranstaltungsfoyer und Protestplakate vor einem Museumseintritt
Kurz vor der Eröffnung: Aktivistengruppen forderten Einschnitte, der Ausstellungsort wurde verlegt.

Die Veranstalter lehnten eine inhaltliche Kürzung ab. Nach kurzer, intensiver Auseinandersetzung entschieden sie, die Schau aus der Werkstatt abzuziehen und in die Uferhallen im Berliner Stadtteil Wedding umzuziehen. Die Kuratoren warfen der Leitung daraufhin vor, Zensur zu betreiben.

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Parallel verteidigten mehrere Minderheiten- und Anti-Rassismus-Gruppen die Entscheidung der Werkstattleitung. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) verwies darauf, dass es üblich sei, Akteure, die aktiv gegen das NS-Regime kämpften, nicht gleichwertig mit Kollaborateuren zu behandeln.

Standpunkte der Beteiligten

Karl Rössel, einer der Initiatoren, bezeichnete die kurzfristige Absage als „skandalös“, betonte aber zugleich, sein Team verurteile jede Form von rassistischen Kommentaren gegen die Werkstattleitung. Er argumentierte, die Darstellung von Kollaborationen sei notwendig, um das volle Ausmaß der historischen Verhältnisse und ihrer Opfer zu erfassen.

  • Projektumfang: Recherchen in mehr als 30 Ländern; Publikation eines Begleitbuchs 2005.
  • Inhaltlicher Anspruch: Darstellung von Anti-Faschismus außerhalb Europas sowie von Kollaboration und Verfolgung.
  • Konflikt: Werkstattleitung verlangte Streichungen; Kuratoren lehnten ab; Standortwechsel erfolgte.
  • Begleitprogramm: Theater- und Tanzaufführungen, unter anderem die deutsche Premiere von „The Forgotten Emancipators“ von Mémoires Vives.

Nach Angaben der Veranstalter soll die Ausstellung in den kommenden Jahren durch Deutschland, Österreich und die Schweiz reisen; Übersetzungen ins Französische und Englische sind geplant.

Die Debatte in Berlin hat Signalwirkung: Es geht nicht nur um die korrekte historische Einordnung einzelner Biografien, sondern um die Frage, wer in öffentlichen Räumen zu Wort kommt und wie Erinnerungspolitik Machtverhältnisse widerspiegelt. Für Museen und Kuratoren heißt das, besonders sensibel abzuwägen, wie komplexe und widersprüchliche historische Fakten präsentiert werden, ohne Opfer zu marginalisieren oder Täterstrukturen zu verharmlosen.

Unabhängig von der lokalen Kontroverse bleibt die Ausstellung ein Versuch, die globalen Dimensionen des Zweiten Weltkriegs sichtbarer zu machen — und damit eine Erinnerungspraxis in Frage zu stellen, die lange vor allem europäische Erfahrungen in den Mittelpunkt stellte.

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