Ein neuer Dokumentarfilm über Menschen mit HIV in China hat auf der Berlinale starke Reaktionen ausgelöst – weil er nicht nur Schicksale zeigt, sondern die anhaltende Ignoranz und das soziale Stigma beleuchtet, das Betroffene täglich trifft. Für Zuschauer und Politik bleibt die zentrale Frage: Was bedeutet das für Aufklärung und gesellschaftliche Akzeptanz jetzt?
Regisseur Zhao Liang verknüpft Interviews, Chatprotokolle und E‑Mails zu einem vielstimmigen Porträt, das unter dem chinesischen Titel Zai Yi Qi (»Zusammen«) läuft. Viele der Befragten wollten aus Angst vor Ausgrenzung nicht Gesicht zeigen; einige verzichteten komplett auf filmische Präsenz.
Narrative Nähe statt reiner Statistik
Zhao folgt mehreren Protagonisten über unterschiedliche Lebenslagen hinweg: einem Jungen, seiner Betreuerin und einer Schauspielerin, die gemeinsam bereits an einem früheren Film über AIDS gearbeitet haben. In einer Film‑im‑Film‑Sequenz offenbart sich, wie Vorurteile auf dem Set langsam in Fürsorge umschlagen – oft erst nach direkten Begegnungen.
Die Vergangenheit und das tägliche Leben der Betroffenen bleiben scharf beobachtet. Ein Beispiel: Ein junger Drogenkonsument, der unter dem Pseudonym „Duckweed“ auftritt, gerät in eine tiefe Verzweiflung nach seiner Diagnose und erwägt, sich und sein infiziertes Kind zu töten. Später entscheidet er sich anders. Szenen wie diese zeigen die emotionalen Konsequenzen der Stigmatisierung.
In einem anderen Moment lässt Zhao Tonaufnahmen sprechen: Die Reaktion einer Mutter, als ihr Sohn erklärt, er wolle im Film auftreten, besteht aus Vorwürfen und Scham – ein Muster, das immer wieder auftaucht.
Alltagssorgen und konkrete Ausgrenzung
Der Film zeigt auch banale, aber schmerzliche Formen von Diskriminierung: Kinder, die mit eigenen Essstäbchen essen müssen, getrennte Waschutensilien, Nachbarn, die Distanz wahren. Solche Regeln beruhen oft auf falschen Vorstellungen über Übertragungswege.
Gleichzeitig finden sich Momente, die Zuversicht signalisieren. Ein Junge erklärt mit trockenem Humor, wie er die scheuen Dorfbewohner zur Flucht bringt, indem er sie spielerisch »anstecken« zu können droht – ein Versuch, Angst in Kontrolle zu verwandeln.
| Film | Zai Yi Qi („Zusammen“) |
|---|---|
| Regisseur | Zhao Liang |
| Protagonisten | Hu Zetao (11), Liu Luping (Betreuerin), Xia (Schauspielerin u. a.) |
| Schwerpunkt | Persönliche Geschichten, Diskriminierung, Aufklärung über HIV |
| Präsentation | Außer Konkurrenz auf der Berlinale |
Warum der Film jetzt Relevanz hat
Zhao nennt als Ziel, Wissenslücken zu schließen und Vorurteile abzubauen. Er räumt ein, selbst wenig über die Krankheit gewusst zu haben, bevor er das Projekt begann – das unterstreicht, wie groß der Aufklärungsbedarf in Teilen der Gesellschaft noch ist.
- Schätzungen zufolge leben in China nach wie vor Hunderttausende mit HIV; Informationsdefizite sind verbreitet.
- Eine Umfrage unter rund 6.000 Menschen zeigte, dass fast die Hälfte fälschlicherweise eine Übertragung durch Mücken befürchtet und etwa jeder Fünfte glaubt, ein Niesen könne anstecken.
- Etwa ein Drittel der Befragten sieht Infizierte mit Vorurteilen verbunden – etwa als Folge von Drogenkonsum oder promiskuitivem Verhalten.
Solche Ergebnisse erklären, warum der Film über reine Betroffenheit hinaus Wirkung entfaltet: Er adressiert konkrete Missverständnisse, die zu Ausgrenzung führen.
Drei der porträtierten Personen entschieden sich, schließlich doch ihr Gesicht zu zeigen – in der Hoffnung, mit ihrer Offenheit Verständnis zu fördern. Eine von ihnen sagte, wenn das Sichtbarwerden Toleranz fördert, sei es die Mühe wert.
Auswirkungen und Ausblick
Die Berlinale‑Publikumspremiere löste starke Reaktionen aus; Tränen waren zu sehen, aber auch Gespräche und Diskussionen. Der Film bietet keine einfachen Lösungen, sondern macht die sozialen Kosten der Unwissenheit sichtbar.
Langfristig bleibt die Frage, ob künstlerische Sichtbarkeit und begleitende Aufklärungskampagnen genügen, um Gewohnheiten und Einstellungen zu ändern. Für den Moment hat Zhao mit seiner Arbeit einen öffentlichen Diskurs angestoßen – und damit eine Debatte über Schutz, Pflege und Menschenwürde in China neu entfacht.
Ähnliche Beiträge:
- Klangtüftler: „Ich denke über jedes kleinste Atom der Klänge nach“
- Berlinale Skandal: AfD von Eröffnungsfeier ausgeladen!
- Berlinale in Aufruhr: Spannung und Kontroversen beim Filmfest!
- Berlinale-Start mit Kung-Fu-Epos: Das Filmfestival beginnt actionreich!
- Nazikomödie polarisiert bei Berlinale: Jubel im Saal trotz Kritik

Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.