An einem milden Abend im frühen Jahr sitzt die Musikerin Sophia Kennedy mit einem Glas Wein am Tresen des Peter Schlemihl und beobachtet den Chamissoplatz, während das Licht langsam verblasst. Im Gespräch erzählt sie von neuen Songs, ihrem Verhältnis zu Image und Alkohol und warum sie sich jetzt auch auf Deutsch zu Wort meldet — ein Schritt, der die Wahrnehmung ihrer Musik hierzulande verändert.
Das Gespräch ist locker, oft scherzhaft, aber immer präzise: Kennedy gibt Einblicke in Arbeitsweise und Selbstbild, erklärt, wie sie Vertrautes mit experimentellen Eingriffen kombiniert, und warum sie weder auf Perfektion noch auf Überraschungen verzichten möchte.
Musik als Balance zwischen vertraut und fremd
Sophia Kennedy beschreibt ihre Kompositionen als einen Ausgangspunkt aus Bekanntem, der dann gezielt gestört wird. Am liebsten arbeitet sie am Klavier oder an Synthesizern, spielt mit Samples, sucht bewusst nach kleinen Verfremdungen, die das Vertraute verschieben. Statt auf dokumentarische Feldaufnahmen setzt sie auf klangliche Experimente im Studio: mal folgt eine strikte Idee, die sofort umgesetzt werden muss, mal ein zufälliges Herumprobieren an Geräten.
Für sie ist diese Mischung aus Ernst und Spielfreude wichtig: echte Intentionen, aber auch ein Sinn für Leichtigkeit. Zu glatt polierte Musik reizt Kennedy ebenso wenig wie endloser Dilettantismus — der goldene Mittelweg bleibt das Ziel.
Kein starres Image, aber bewusste Ästhetik
Ein festes Image strebt sie nicht an; trotzdem trifft Kennedy bewusste Entscheidungen, wie sie sich präsentiert. Manchmal ändere sie sogar kurz vor einem Auftritt ihr Outfit, um der Person zu entsprechen, die die Lieder singt. Solche Momente zeigen, dass sie die Performanz ernst nimmt, ohne die Ironie aus den Augen zu verlieren.
Sie witzelt, dass sie sich manchmal fürchte, auf ein Klischee reduziert zu werden — etwa als „die, die raucht“ — und findet gleichzeitig, dass Fragen zur Außenwirkung durchaus unterhaltsam sind.
Alkohol, Bühne und Grenzen
Früher gehörte Alkohol zur Routine auf der Bühne, sagt Kennedy, heute meidet sie das meist bewusst: es mache sie nervös. Sie betont, wie wichtig es sei, die eigenen Grenzen zu kennen, auch weil sie von Natur aus zu einem gewissen Maß an Neurotizismus neige.
- Geburtsort: Baltimore
- Lebt in: Hamburg
- Debüt: 2017 (selbstbetiteltes Album)
- Neueste LP: SQUEEZE ME (2025)
- Sprachlicher Schritt: Erste eigene deutschsprachige Songs 2026
Alltag, Eskapismus und Trüffelsuche
Kennedy gesteht eine Schwäche für Kochshows als kleine Flucht aus dem Berufsalltag. Außerdem träumt sie von entschleunigenden Tätigkeiten: eine Dokumentation mit Trüffelsuchhunden weckte in ihr die Vorstellung, im Wald auf Schatzsuche zu gehen — etwas, das sie als beruhigend empfindet.
Zum Thema Mobilität sagt sie, Autofahren wäre derzeit undenkbar: eine ausgeprägte Links-rechts-Schwäche und das Vertrauen auf Navigations-Apps prägen ihren Alltag als Fußgängerin. Trotzdem kann sie sich vorstellen, eines Tages doch noch den Führerschein zu machen — oder lieber dem Trüffelhund zu folgen.
Auf der Bühne und daneben
Die Barkultur Europas interessiert sie; selbst in scheinbar unspektakulären Städten habe sie überraschende Abende erlebt. Karaoke etwa erscheint ihr als kurioser Gegensatz: für viele ein mutiger Erstauftritt, für sie als Profi ein ungewohntes Überwinden der eigenen Routine.
Wenn andere Musiker ihre Songs covern, rührt sie das. Besonders, wenn daraus etwas völlig Neues entsteht: das zeige, dass ein Stück wirklich in die Welt übergeht und nicht länger allein der Urheberin gehört — mit wenigen Ausnahmen, so ihre lakonische Anmerkung zu politisch problematischen Nutzungen.
Warum das jetzt relevant ist
Mit der Entscheidung, erstmals eigene Songs auf Deutsch zu veröffentlichen, stellt sich für Kennedy nicht nur eine sprachliche Frage, sondern auch eine kulturelle: wie ihre Arbeit hierzulande rezipiert wird und welche Türen sich in der deutschsprachigen Szene öffnen. Die jüngsten Veröffentlichungen haben diesen Wendepunkt markiert und geben Anlass, ihre künstlerische Entwicklung neu zu bewerten.
Perspektive: Für Hörerinnen und Hörer bedeutet das eine andere Nähe: Texte in der Heimatsprache erlauben neue Interpretationen und schaffen Dialogpotenzial — sowohl live als auch in den Streaming-Algorithmen.
Zum Abschluss: Ernsthaftigkeit mit Augenzwinkern
Sophia Kennedy bleibt eine Künstlerin, die Ambivalenzen scheut: Sie möchte, dass Musik sowohl präzise als auch überraschend ist. Ihr Umgang mit Image, Alkohol, Bühnenroutine und experimentellen Klängen zeigt eine Künstlerin, die Kontrolle schätzt, aber den Zufall nicht fürchtet.
Wer sich für zeitgenössische Popmusik interessiert, in der elektronische Raffinesse, Chanson-Anleihen und spielerische Verfremdungen zusammenkommen, sollte die aktuelle Phase von Kennedy beachten — gerade jetzt, da sie sprachlich wie musikalisch neue Wege beschreitet.
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Tom Schneider ist Musikliebhaber, DJ und Redakteur bei Inside-Reeperbahn.de. Er schreibt mit Herzblut über neue Bands, alte Legenden und die Hamburger Clubszene. Seine Artikel verbinden Recherche mit persönlichem Erleben und bieten echten Mehrwert für Musikfans.