Der 60. Super Bowl markiert den Beginn der zweiten Amtszeit von Trump. Skandale und Kontroversen sind vorprogrammiert, doch das ist nichts Neues. Ein kommentierter Rückblick von Linus Volkmann.
Zur Klarstellung gleich zu Beginn: Der erste Super Bowl, der während Trumps zweiter Amtszeit stattfand, war bereits letztes Jahr. Allerdings fand Trumps Amtseinführung als erneuter Präsident 2025 nur zweieinhalb Wochen vor dem großen Event des American Footballs statt – zu kurz, um den Schrecken seiner zweiten Amtszeit bereits widerzuspiegeln (oder sich davon abzugrenzen). Dieses Jahr wird das anders sein, wenn am 8. Februar, über Nacht von Sonntag auf Montag, die Seattle Seahawks und die New England Patriots in Santa Clara, Kalifornien, aufeinandertreffen.
Gut, dann sprechen wir es direkt an, den sprichwörtlichen Elefanten im Raum. American Football wird „da draußen“ wohl kaum als meine Spezialität angesehen. Stellt euch Linus Volkmann vor, und ihr denkt wahrscheinlich eher an ein spindeldürres Gespenst mit drei Dosen Monster Energy, bekleidet mit beigefarbenen Cord, das euch mit blasser Miene und zweifelhafter Frisur über eine Tocotronic-B-Seite doziert.
Aber ich bin eben vielschichtig und passe „in keine Schublade“ – wie jede langweilige Band ständig von sich selbst behauptet. Meine Beziehung zu American Football sieht so aus: Während meines Studiums (stellt euch dazu Sepia-getönte Bilder vor, Menschen mit Hüten und Koteletten, untermalt von kratziger Grammophonmusik), hatte ich einen Freund, der eine NFL-„Trading“-Webseite betrieb. Das war damals extrem nerdig. Die Spielerwechsel zwischen den Teams folgen in den USA einem höchst komplizierten System. Mein Freund übersetzte diese undurchschaubaren Vorgänge in ebenso undurchschaubare Tabellen und Grafiken. Aus Interesse versuchte ich, es irgendwie zu verstehen, scheiterte aber kläglich an der Wissenschaft dahinter und entschied mich stattdessen dafür, zumindest die (nicht minder komplexen) Regeln der Sportart zu lernen. Das hat funktioniert – und dieses Wissen habe ich mir bis heute bewahrt. Defense, Offense, Fumble, Line Of Scrimmage … fragt mich alles.
Frühjahr 2026. Den Freund habe ich nicht mehr. Unsere letzte Interaktion war seine Nachricht, dass er meinen Hörspiel-Podcast („Ausnahme der Rose“) nicht weiter verfolgen würde, da wir darin gendern – was für ihn einer Spuckattacke gleichkäme. Niemand könnte erwarten, dass er das auch noch schluckt. Ich finde diese Metapher durchaus stark, aber letztlich ist es natürlich völliger Unsinn. Umso mehr nutze ich für diese Kolumne meine unverhoffte Kompetenz in Sachen American Football. Aber keine Sorge, wir bleiben hier in einem Musikmagazin, ich werde euch nicht mit dem Sport selbst langweilen, sondern mit dem kulturell aufgeladenen und oft kontroversen Drumherum, oder besser gesagt, dem Dazwischen.
Die 7 größten Aufreger der Super-Bowl-Halbzeitshows
07 Prince
Super Bowl #41 – 2007 in Miami, Florida
Sieger: Indianapolis Colts
Der legendäre Prince sorgte damals für Aufsehen. Beschwerden wurden laut, weil der Sänger zeitweise als Silhouette auf einer Leinwand zu sehen war. Die Gitarre, die er trug, erschien „phallisch“, wenn ihr versteht, knick, knack.
Was albern erscheint, empörte jedoch viele Zuschauer:innen und veranlasste sie, sich bei der amerikanischen Medienbehörde FCC zu beschweren. Ein weiterer Aufreger war in jenem Jahr eine Snickers-Werbung, die kurz zwei sich küssende Männer zeigte.
06 New Kids On The Block
Super Bowl #25 – 1991 in Tampa Bay, Florida
Sieger: New York Giants
Die Halbzeitshow war nicht von Anfang an ein Anziehungspunkt für internationale Top Acts. 1991 war das erste Jahr, in dem die ganz großen Stars die Bühne betraten. Allerdings verpassten die meisten Zuschauer:innen die Performance der New Kids On The Block, da der Sender stattdessen eine Nachrichtensendung über den Golfkrieg ausstrahlte. Dabei ging allerdings nicht viel verloren, denn die New Kids traten zusammen mit einem Kinderchor auf – es war schließlich eine von Disney produzierte Show. Gemeinsam spielten sie nicht ihre großen Hits (wie etwa „Hanging Tough“), sondern den Kitsch-Song „This One’s for the Children“.
05 Red Hot Chili Peppers
Super Bowl #48 – 2014 in East Rutherford, New Jersey
Sieger: Seattle Seahawks
Die Red Hot Chili Peppers gerieten nach ihrer Halbzeit-Show (mit Bruno Mars) in die Kritik, da offensichtlich war, dass sie ihre Instrumente nicht live spielten. Bassist Flea gab zu, dass sie aufgrund der Soundvorgaben der NFL für „Give It Away“ lediglich ein Playback verwenden konnten. Sie wollten selbst auf diese karaokeske Situation aufmerksam machen und stöpselten ihre Instrumente absichtlich nicht ein, um zu demonstrieren, wie wenig „live“ die größte Live-Show der Welt tatsächlich ist.
04 Kendrick Lamar
Super Bowl #59 – 2025 in New Orleans, Louisiana
Sieger: Philadelphia Eagles
Kendrick Lamar nutzte seinen Auftritt bei der Halbzeit-Show und die weltweite Aufmerksamkeit des Events, um das lang schwelende Rapper-Battle gegen Drake für sich zu entscheiden. Für das Finale seiner Performance wählte er die Songs „Euphoria“ und „Not Like Us“, die beide in ihren Texten seinen kanadischen Kontrahenten angreifen. Das Stück „Not Like Us“, so Drake in einer Klageschrift gegen Kendrick Lamars Plattenlabel Universal, würde unterstellen, Drake sei pädophil. Lamars Auftritt beim Super Bowl, der 135 Millionen Zuschauer:innen erreichte, hätte die damit verbundene Rufschädigung noch verschärft.
03 M.I.A.
Super Bowl #46 – 2012 in Indianapolis, Indiana
Sieger: Baltimore Ravens
Selbst das (amerikanische) Internet ist zu prüde für diesen „Skandal“. Wie viele Autor:innen und Webseiten sich dazu versteigen, dass M.I.A. bei ihrer Performance neben Madonna mit „einer obszönen Geste“ provoziert hätte. Bei mir müsst ihr allerdings nicht rätseln, was damit gemeint ist, ich schreibe es aus: Die Sängerin mit Wurzeln in Sri Lanka zeigte der Kamera den Mittelfinger, jetzt ist es raus! Man darf beim Schauen nicht blinzeln, sonst kann es sein, dass man diesen winzigen Moment verpasst. Einmal kurz Mittelfinger sehen/zeigen … was klingt wie eine eher harmonische Autofahrt zum Supermarkt drei Straßen weiter, bedeutete für M.I.A. damals eine Klage der NFL gegen sie auf fast 17 Millionen US-Dollar wegen Rufschädigung. Nach zwei Jahren einigte man sich außergerichtlich.
02 Janet Jackson x Justin Timberlake
Super Bowl #38 – 2004 in Houston, Texas
Sieger: New England Patriots
Einer der größten Skandale der Super-Bowl-Geschichte, der sogar einen eigenen Namen trägt: Nipplegate. Justin Timberlake performte seinen Song „Rock Your Body“ zusammen mit Janet Jackson. Als der Song zur Zeile „I’m gonna have you naked by the end of this song“ kam, riss der Sänger seiner Duettpartnerin die Korsage herunter. Ein einstudierter Move, der Jackson darauf nur noch im BH zeigen sollte. Doch es kam – und dieser Begriff ging wie schon Nipplegate später in die Annalen ein – zu einer „wardrobe malfunction“, einer Kleidungspanne, wie sich Justin später ausdrücken würde. Janet Jacksons Brust wurde ungeplant entblößt und zeigte dabei auch ein spezielles Nippelpiercing in Sonnenform, das im Nachklapp des Skandals zu einem Trend-Accessoire wurde. Das war allerdings der einzige positive Ausgang für Jackson, im Gegensatz zu Timberlake beeinträchtigte der Vorfall ihre Karriere massiv. Sie wurde abgestraft für das Besitzen einer Brust, die jemand anders (versehentlich oder gar willentlich) freilegte. Sexismus lässt sich kaum kompakter zeigen als in diesem Ereignis.
PS: Eine Randnotiz, die immer gern kolportiert wird, wenn es um „Nipplegate“ geht, ist übrigens, dass seit diesem Vorfall in Amerika derartige Live-Events mit einer Verzögerung von fünf Sekunden ausgestrahlt werden, um solchen Situationen die TV-Übertragung verwehren zu können.
01 Bad Bunny
Super Bowl #60 – 2026 in Santa Clara, Kalifornien
Im Finale: New England Patriots vs. Seattle Seahawks
Eine Faustregel lautet: Der nächste Skandal ist immer der größte. Was in diesem Jahr die öffentliche Empörung anheizen wird, steht zum Zeitpunkt dieser Texterstellung noch in den Sternen. Fest steht jedoch, dass es bereits einiges an Wirbel um den Star der diesjährigen Halbzeit-Show gegeben hat. Mit Bad Bunny tritt ein lateinamerikanischer Act und einer der größten globalen Stars der Jetztzeit auf – immerhin zählen seine Songs über 40 Milliarden Streams auf Spotify.
Doch der Puerto Ricaner Bad Bunny ist einigen amerikanischen Patrioten zu weit entfernt von ihrer kulturellen Komfortzone. So kündigte die rechtsgerichtete, vom ermordeten Charlie Kirk gegründete Organisation „Turning Point USA“ an, eine eigene All-American-Halftime-Show auf die Beine zu stellen und sie über Digital-Medien zu streamen.
Das Line-Up zu diesem fragwürdigen Coup ist auch kurz vor der Veranstaltung nicht publik. Vermutlich wird es aber auf HipHop-Klänge verzichten, zumindest bezeichnete Charlie Kirk diese Musik als „degeneriert“ und plädierte für ihre Abschaffung. Diese Aussage halte ich persönlich für einen Skandal, ist aber in der heutigen Zeit wohl bloß noch eine Randnotiz…
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.
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Tom Schneider ist Musikliebhaber, DJ und Redakteur bei Inside-Reeperbahn.de. Er schreibt mit Herzblut über neue Bands, alte Legenden und die Hamburger Clubszene. Seine Artikel verbinden Recherche mit persönlichem Erleben und bieten echten Mehrwert für Musikfans.