Paulas Popwoche: Wissen die Polizisten, dass Weihnachten ist?

Dezember 19, 2025

Bruno Mars, 2018

Popmusik wird zunehmend melancholischer und Hedonismus ist nicht mehr der Verkaufsschlager. Wo klemmt es in der Popkultur?

Im Ausklang des Jahres beschäftigen mich noch einige Gedanken:

„Lush Life“ und die idealisierte Dekade der 2010er

1. Das Jahr 2015 liegt nun ein Jahrzehnt zurück und es wird Zeit, dass wir Hits aus diesem Jahr als Klassiker ansehen, so wie es die Jugendlichen auf TikTok bereits tun. Die 2010er Jahre werden dort glorifiziert, als wäre damals alles besser gewesen, während man optimistisch in die Zukunft blickte, Starbucks-Kaffee in der Hand. Das erklärt die Nostalgie und Begeisterung für den Hit „Lush Life“ von Zara Larsson aus dem Jahr 2015, der auch durch Julia’s großartige Mitwirkung beliebt wurde:

Und dann gibt es da noch Songs wie „Uptown Funk“ von Bruno Mars. Ein echter Oldie! Aber dazu später mehr.

Negativ-Pop und das Ende des Hedonismus

2. Es wird jetzt kompliziert: Ich las neulich beim „Deutschlandfunk“, dass eine Studie aus Österreich zeigt, dass die Popsongs heutzutage weniger positiv sind. Die Billboard-Charts seit 1973 wurden untersucht und tatsächlich: Popsongs sind heute negativer. Zudem werden sie seit 2015 wieder komplexer. Wer kümmert sich nun um unsere Serotonin-Spiegel, nachdem wir Avicii verloren haben? Vielleicht Bruno Mars, der doch endlich ein neues Album veröffentlichen sollte?

Aber ist es wirklich so, dass es den Menschen heute schlechter geht als früher? Oder haben sich die kapitalistischen Vergnügungen, die oft durch große Popsongs begleitet werden – wie die Großraumdisco, das Bowlingcenter, der Kinopalast, Jahrmärkte und Springbreak – einfach abgenutzt? Können wir, meiner Generation, noch Hedonismus verkaufen? Heute sind wir jung, es gibt kein Morgen, vergiss die Uni, zünde die Bengalos, küss mich hinter dem Dixi-Klo, Gästeliste, verschwendete Jugend, morgen wache ich auf und denke, ich sehe aus wie Kesha?

Schon in den 2000ern und 2010ern hieß es, alles gehe den Bach runter. Die kapitalistische Kultur bot uns Leuchtarmbänder, Nebelmaschinen, Schaumpartys, Glitzerpuder, Holi-Farbpulver, Pueblo-Tabak und Komasaufen an, um damit fertig zu werden. Viele von uns waren auf so viele Weisen benebelt, dass es mir schwerfällt, mich über den Lachgas-Konsum der heutigen Jugend aufzuregen, denn auch wir hatten bereits Lachgas.

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Man sagte uns auch, dass die 90er sorgenfreier gewesen wären, so wie man es nun über die 2010er sagt. Natürlich ist beides nicht wahr. Allein im Osten dieses Landes sah es schon übel genug aus, und generell muss man für solche Einschätzungen alles ausblenden, was nicht sehr toll (Nord-)Westen ist. Die 2010er waren geprägt von Wirtschafts-, Klima-, „Flüchtlings-“, Wohnungs- und weiteren Krisen. Aber es stimmt, dass mehr Eskapismus im Pop vorhanden war. Die Menschen schaffen es nicht mehr, sich und andere so gut zu täuschen, was vielleicht eher etwas Gutes ist. Oder, wie es in einem weiteren Klassiker von 2015 heißt: „I was told, when I get older, all my fears would shrink. But now I’m insecure, and I care what people think.“

Das Ende der Wohltätigkeitssongs

3. Apropos Täuschung und was die Leute denken – Wohltätigkeitssongs gibt es auch nicht mehr. Ich schreibe diese Kolumne in einem Café, in dem „Do They Know It’s Christmas“ zum fünften Mal läuft. Nicht nur aufgrund der oft diskutierten problematischen Textzeilen wirkt dieser Song mittlerweile veraltet. Heutzutage gibt es zwar Petitionen, Künstler, die Einnahmen eines Songs weiterleiten, und politische Statements auf Bühnen, aber man kann sich kaum vorstellen, dass ein Gruppensong, der auf das Leid von Menschen in „fernen“, „armen“, „unterentwickelten“ Ländern hinweist, noch funktioniert.

Einerseits glaubt da kaum noch jemand dran: Reiche und berühmte Menschen, die so tun, als wäre es die natürliche Ordnung, dass sie eben reich sind, als wäre Geld ein Teil ihres Körpers und nicht die Fans, die ihnen das Geld geben. Arme Menschen bleiben in der Wohltätigkeitserzählung unveränderlich arm, und man kann ihnen ab und an etwas zukommen lassen, damit sie beispielsweise ein schönes Weihnachtsfest haben. Aber wer das schöne Leben verdient hat, bleibt klar. Niemand möchte mehr Appelle von Leuten hören, dass WIR mehr tun sollen, während sie in ihren Villen sitzen. Vielleicht ist das eine Folge von Corona. Da gab es noch solche kollektiven Wohltätigkeitsversuche. Aber diese Leute sendeten ihre Botschaften, während sie Selleriesaft trinkend in ihren Palästen saßen, während wir in unseren kleinen Wohnungen Homeoffice, Kinder, Beziehung, Arbeit und Psyche jonglierten.

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Das wurde sehr deutlich. Ich muss immer wieder an meinen alten Freund F. denken und wie er auf einem Konzert, für das wir lange gespart hatten, zum Sänger nach dessen Aufruf, dass wir doch bitte alle mal was abgeben sollten, rief: SPENDE DOCH DEINE GAGE, DU ARSCHLOCH.

Was auch nicht mehr funktioniert, ist, dass sich Künstler als Teil eines Kollektivs begreifen, das oben steht. Sie haben kein Klassenbewusstsein mehr! Sie prahlen nicht mal mehr. Die aktuellen Popstars geben sich bescheiden, tun so, als wären sie wie wir, haben natürlich auch eigene Probleme und beherrschen Therapiespeak. Im Grunde wäre es natürlich egal, was die so machen, wenn wir ein System hätten, das nicht auf Almosen angewiesen wäre. Wenn es staatliche Umverteilung gäbe, wenn alle bekommen, was sie brauchen. Aber im Gegenteil, immer mehr soziale Einrichtungen und politische Projekte sind auf Spenden angewiesen, weil staatliche Förderungen zurückgezogen werden. Ein bekanntes Beispiel ging dieser Tage durch die sozialen Netzwerke.

In diesem Fall konnte die Arbeit dieser Menschen durch Spenden vorerst gerettet werden. Im Schatten davon gibt es jedoch unzählige Projekte, die es nicht mehr geben wird. Der Druck kommt natürlich von rechts. Meanwhile wird lieber auf die Polizei gesetzt. Berlin hat jetzt, auf Einwohner:innen gerechnet, mehr Polizist:innen als New York City, wie das ND berichtete. Der Etat für die Polizei ist „höher als der gesamte Etat für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, und mehr als doppelt so groß wie der Etat für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Immer mehr soziale Probleme, die sich ja eigentlich immer aus Armut ergeben, werden der Polizei und damit willkürlicher Gewalt überlassen. Verpolizeilichung heißt das. Das bedeutet ganz konkret oft: Obdachlose werden nicht versorgt, psychologisch betreut, in dauerhafte Wohnverhältnisse gebracht, sondern weggeräumt oder noch Schlimmeres. Und man kann nur hoffen, dass die Polizei es gut mit einem meint, vielleicht weil gerade Weihnachten ist oder so.

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Jetzt rede ich auch schon so negativ daher wie die Generation Z …

Vielleicht könnte Bruno Mars mal wieder etwas machen. Ein fröhlicher Song, Hedonismus und vielleicht noch etwas gegen die Polizei … Ich würde es kaufen!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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