Ein neuer Film über die Olympischen Spiele 1936 bringt jetzt in Deutschland die wenig bekannte Geschichte einer jüdischen Hochspringerin zurück in die Öffentlichkeit – und trifft auf aktuelle Debatten über Geschlecht im Sport: Die Premiere fällt zeitlich mit einer neuen Kontroverse über die Zulassung von Athletinnen im selben Berliner Stadion zusammen. Damit stellt der Stoff Fragen, die heute noch Relevanz haben.
Die Hintergründe
Im Zentrum steht Gretel Bergmann, eine außergewöhnliche Hochspringerin, die in den 1930er-Jahren aus Deutschland ins Exil ging und in Großbritannien Erfolge feierte. Als internationales Druckmittel gegen mögliche Olympiaboykotte rückte die NS-Propaganda sie 1936 wieder in den Fokus – doch die Versprechen, die man ihr machte, wurden kurz vor den Spielen gebrochen.

Nach ihrer Rückkehr knackte Bergmann kurzzeitig den deutschen Rekord, doch als die Nazis sicher waren, dass die US-Mannschaft bereits auf dem Weg war, strich man sie aus dem Aufgebot. An ihre Stelle traten offiziell „arische“ Konkurrentinnen, darunter Elfriede Kaun und die damals als Frau gemeldete Dora Ratjen.
- 1934: Bergmann wird britische Meisterin nach Exil aus Deutschland.
- 1936: Rückkehr nach Deutschland; Rekordleistung vor den Spielen, dann Ausschluss aus dem Team.
- Nach den Spielen: Ratjen belegt in Berlin Rang vier; später stellte sich heraus, dass Ratjen biologisch männlich war.
- 1937–1938: Bergmann emigriert in die USA, startet dort wieder sportlich durch und gewinnt nationale Titel.
- Jahrzehnte später: Rückkehr nach Deutschland zur Einweihung eines nach ihr benannten Stadions in Laupheim.
Was geschah mit Dora Ratjen?
Die damals als „Dora“ startende Athletin wurde später als männlich identifiziert und mit dem Namen Heinrich Ratjen geführt. Nach 1938 verschwanden die Resultate aus den offiziellen Listen; Ratjen geriet in den militärischen Dienst. Ob die deutsche Sportbürokratie dies vorab wusste, bleibt ungeklärt.

Längerfristig wurde die Affäre zum Lehrstück darüber, wie politischer Druck und das Konzept „Geschlecht“ in autoritären Systemen missbraucht werden können – eine Debatte, die in veränderter Form auch heute geführt wird.
Bergmanns Leben danach
Gretel Bergmann verließ 1937 Deutschland und startete in New York ein neues Leben; sie heiratete, nahm den Namen Margaret Bergmann-Lambert an und musste kurzfristig den Spitzensport zugunsten von Arbeit und Existenzsicherung zurückstellen.
Trotzdem kehrte sie auf die Wettkampfbühnen zurück: 1937 gewann sie in den USA sowohl den Kugelstoß- als auch den Hochsprungtitel und verteidigte den Hochsprung-Titel 1938. Jahrzehnte später kehrte sie erstmals nach Laupheim zurück, als dort ein Stadion zu ihren Ehren eingeweiht wurde.
Bergmann äußerte sich positiv zum neuen Film, in dem die Rolle von Karoline Herfurth sie darstellt; sie hoffe, die Geschichte wirke als Mahnung gegen erneute Ausgrenzung.
Die Folgen und die heutige Relevanz
Das Schicksal Bergmanns zeigt mehrere Ebenen von Bedeutung: staatliche Instrumentalisierung von Sport, die Gefährdung individueller Rechte unter politischem Druck und die komplizierten Fragen rund um Geschlecht und Fairness im Wettkampf.
Für heutige Diskussionen – etwa um die Teilnahmebedingungen für Athletinnen – bleibt die Geschichte ein historisches Beispiel dafür, wie schnell Regeln und Identitäten politisiert werden können.
Eine letzte, bittere Ironie: Die Olympische Goldmedaille im Hochsprung ging 1936 an die Ungarin Ibolya Csák – ebenfalls Jüdin. Bergmann sah darin eine späte Genugtuung, aber keine Wiedergutmachung für das, was ihr verwehrt wurde.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.