Der Künstler Anselm Kiefer will offenbar ein sichtbares Relikt der deutschen Nukleargeschichte übernehmen: Er plant nach eigenen Angaben, mindestens den Kühlturm des stillgelegten Kraftwerks von Mülheim-Kärlich zu erwerben – aus der Überzeugung heraus, dass solche Orte der Erinnerung erhalten bleiben sollten. Warum das jetzt von Interesse ist: Mit dem laufenden Atomausstieg und der Debatte um den Umgang mit Industriebrachen gewinnt die Frage nach Erhalt oder Abriss an praktischer und symbolischer Bedeutung.
In einem Gespräch mit der Wochenzeitschrift Der Spiegel erklärte Kiefer, er habe das Gelände gemeinsam mit einem Vertreter des Energieversorgers RWE besichtigt und anschließend Kontakt aufgenommen. Seinen Angaben zufolge sei eine Einigung über den Erwerb zumindest des Kühlturms in Sicht; nähere Details zu Kaufpreis oder konkreten Verwendungsplänen nannte er nicht.
Der Bau war nach nur kurzem Betrieb bereits 1988 stillgelegt worden – nach etwa 13 Monaten Laufzeit. Kiefer betonte, der Turm sei nicht radioaktiv, und stellte klar, dass er keine banalen Motive darauf anbringen werde.
Was dieses Vorhaben für die Erinnerungskultur bedeutet
Die Initiative des Künstlers berührt mehrere Themen: Den Umgang mit technischer Vergangenheit, die Umnutzung großer Industrieanlagen und die Frage, wie die Gesellschaft kontroverse Kapitel ihrer Geschichte sichtbar macht. Kiefer sieht in solchen Bauten keine bloßen Trümmer, sondern potenzielle Denkmäler.
Gleichzeitig ist unklar, welche rechtlichen und praktischen Hürden ein solcher Erwerb mit sich bringt: Eigentumsübertragungen, Baurecht, Sicherheitsprüfungen und langfristige Unterhaltungskosten sind entscheidende Faktoren, bevor aus einem Kühlturm ein Kulturprojekt werden kann.
- Erhalt statt Abriss: Ein Kauf würde den weiteren Rückbau verhindern und das Bauwerk als Zeugnis bewahren.
- Rechtliche Prüfung: Nutzungskonzepte müssen mit Behörden und dem Eigentümer abgestimmt werden.
- Sicherheits- und Sanierungskosten: Auch nicht-radioaktive Industrieanlagen erfordern oft aufwändige Instandsetzungen.
- Öffentliche Debatte: Das Projekt könnte Diskussionen über Denkmalschutz, Industriearchäologie und Erinnerungskultur anstoßen.
Der Schritt steht in einem größeren Kontext: Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima beschloss die Bundesregierung, alle deutschen Reaktoren bis Ende 2022 abzuschalten. Vor diesem Hintergrund werden ehemalige Kraftwerksstandorte zunehmend als Orte mit geschichtlicher und ästhetischer Bedeutung wahrgenommen, nicht nur als freier Raum für Neubauten.
Kiefer relativierte seine Pläne nicht und machte deutlich, dass noch vieles offenbleibt – inklusive der konkreten Nutzungsideen. Er äußerte sich auch generell kritisch zur zügigen Entsorgung von historischen Spuren, nannte als Beispiel die Debatten um die Berliner Mauer und die Darstellung der DDR.
Ob aus dem Kühlturm von Mülheim-Kärlich ein Ausstellungsort, eine Skulptur im Monumentalmaßstab oder etwas völlig Anderes wird, hängt von den noch ausstehenden Verhandlungen und technischen Prüfungen ab. Für die Diskussion um den Umgang mit Industriekultur ist der Vorstoß jedenfalls ein aktueller Impuls.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.