Bei der diesjährigen Berlinale entzündete Oskar Roehlers neues Werk erneut eine heftige Debatte: Sein Film über die Entstehung des NS-Propagandafilms „Jud Süß“ wurde bei einer Pressenvorführung ausgepfiffen und steht im Mittelpunkt heftiger Kritik. Für Zuschauer und Kritik bedeutet das: Die Auseinandersetzung mit Filmgeschichte wirft unmittelbar Fragen zur Verantwortung heutiger Filmschaffender auf.
Der Film trägt international den Titel „Jew Suss – Rise and Fall“ und erzählt die Biografie eines Schauspielers, dem die Hauptrolle in einem der berüchtigtsten Propagandafilme des Dritten Reiches angeboten wird. Damit verknüpft Roehler die Geschichte des Kinos mit moralischen Dilemmata, die bis in die Gegenwart wirken.
Historischer Hintergrund in Kürze
Die Vorlage für den NS-Film von 1940 beruht auf der Lebensgeschichte des Joseph Oppenheimer, eines Kaufmanns und Finanzberaters am Hof eines württembergischen Herzogs im 18. Jahrhundert. Seine Rolle in der regionalen Politik und sein späterer Prozess wurden im Nationalsozialismus verzerrt zu einer Erzählung über eine angebliche »jüdische Bedrohung«. Der Film von 1940 fand weite Verbreitung und erreichte Millionen Zuschauer in Europa.
Warum die Berlinale-Reaktion relevant ist
Die ablehnende Stimmung beim Pressescreening zeigt: Es geht nicht nur um Filmästhetik, sondern um die Frage, wie mit belasteten historischen Stoffen umzugehen ist. Kritiker werfen Roehler vor, historische Details zu verändern und dadurch die Erinnerung an Opfer und Täter zu verwischen. Befürworter sehen im Werk eine Provokation, die Debatten anstoßen kann.

Für das heutige Publikum hat das Gewicht: Filme, die historische Propaganda thematisieren, formen das kollektive Bild von Vergangenheit und Gegenwart und beeinflussen, wie Gesellschaften Verantwortung einfordern.
Roehlers Perspektive auf Figuren und Filmindustrie
Roehler begründet sein Interesse mit einem Blick auf die Branche selbst: Für ihn steht das deutschsprachige Kino im Zentrum der Erzählung. Er schildert den Protagonisten als einen Schauspieler, der aus Karrieregründen Entscheidungen trifft, die er später nicht mehr zurücknehmen kann — ein Mensch zwischen Ehrgeiz, Anpassung und moralischem Verfall.

Die Figur des Joseph Goebbels zeichnet Roehler nach eigener Darstellung nicht als ruhigen Intellektuellen, sondern als übersteigerte, gefährliche Gestalt, deren Politikum Perfektion in verbrecherischer Form annahm. Die Regiearbeit betont das Unheimliche und das Manipulative dieser Persönlichkeit, statt sie als bloß staatsmännisch darzustellen.
Zum Schauspieler Ferdinand Marian, dem historischen Vorbild, erklärt Roehler, dieser habe sich offenbar eingeredet, seine Teilnahme diene künstlerischen Absichten — ein Versuch, sich moralisch zu beruhigen. Letztlich, so Roehler, standen ihm nur drastische Alternativen offen: Mitspielen, fliehen, Selbstmord oder Ermordung.
- Gegenwartsbezug: Roehler sieht Parallelen zwischen historischen Opportunisten und heutigen Schauspielern, die aus Karrieregründen Kompromisse eingehen.
- Deutung von Goebbels: Nicht als bloßer Bürokrat, sondern als psychologisch überzeichnete Gefahr.
- Kontroverse um Fakten: Historische Freiheiten sind Kern der Kritik — sie treffen auf ein Publikum, das sensibilisiert ist für Erinnerungsfragen.
Kontroverse um künstlerische Freiheit
Ein zentraler Vorwurf lautet, Roehler illustriere Ereignisse, statt sie sorgfältig historisch zu rekonstruieren. Der Regisseur verteidigt sich damit, dass Film stets Gestaltungsraum beanspruche und dass seine Intention nicht Manipulation, sondern Aufklärung sei — auch wenn er zugibt, möglicherweise zu wenig didaktische Distanz gewählt zu haben.
Die Debatte formuliert damit eine grundsätzliche Frage: Welche Verantwortung tragen Filmschaffende, wenn Fiktion und historische Realität aufeinandertreffen? Und wer darf solche Geschichten heute erzählen — nationale Filmemacher oder internationale Produktionen?
Ob Roehler eines Tages eine eigenständige Produktion über Joseph Goebbels realisiert, lässt er offen. Er hält einen solchen Stoff für reizvoll, weist aber auch auf die Schwierigkeiten hin, die entstehen, wenn Nationalgeschichten dramatisiert werden.
Die Auseinandersetzung in Berlin ist damit nicht abgeschlossen: Der Film zwingt zu neuer Diskussion über Erinnerungskultur, künstlerische Freiheit und die Grenzen dessen, was auf der Leinwand erzählbar ist.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.