Ein neues Fotobuch versammelt die Porträts von 100 Deutschen, die das Hundertjahr‑Alter erreicht haben und an einer genetischen Langlebigkeitsstudie mitwirkten. Die Aufnahmen verbinden aktuelle Forschung mit persönlichen Lebensgeschichten und zeigen, warum das Thema Alter heute sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich relevant ist.
Erich Walde etwa blieb ein Leben lang seinem einzigen Partner treu: sieben Jahrzehnte Ehe, nur einmal getrennt, als er als Kriegsgefangener in Sibirien festsaß. Seine Erinnerung an die gemeinsame Zeit prägt das Bild, das der Fotograf eingefangen hat.
Thea Breckerbaum blickt zurück auf einen Moment, der ihre Kindheit schlagartig veränderte: Als Schülerin erfuhr sie vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs und sah kurz darauf ihren Vater, einen Offizier, in die Ferne reiten – sie sollte ihn nie wiedersehen.
Edith Wolffberg floh 1939 mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten nach Texas. Erst mit 102 kehrte sie zurück, um ihren Töchtern den Geburtsort in Berlin zu zeigen. Solche Lebenswege sind Bestandteil der Bild‑ und Textpaare im Band.
Porträts zwischen Kunst und Wissenschaft
Der Fotograf Andreas Labes reiste über fünf Jahre durch Deutschland, um Menschen zu treffen, die hundert Jahre oder älter geworden waren. Sein Buch „100 Jahre Leben“ versammelt eindringliche Schwarz‑Weiß‑Aufnahmen, ergänzt durch knappe biografische Notizen der Porträtierten. Verlegt wurde das Werk zuletzt bei DVA; die erste Auflage war rasch vergriffen.

Labes, der auch profiliert für Zeitungen porträtiert, wollte mehr als schöne Bilder produzieren: Er suchte die Verbindung zwischen individueller Biografie und der wissenschaftlichen Fragestellung hinter der Studie.
Die Forschung: Genetik trifft Lebensgeschichten
Hinter dem Fotoprojekt steht eine medizinische Untersuchung des Instituts für Klinische Molekularbiologie in Kiel, das DNA‑Proben von Hunderten Centenarians sammelte. Bereits 2009 berichteten die Forscher über eine Häufung einer Genvariante – bekannt unter dem Namen FOXO3A – die mit erhöhter Lebenserwartung in Verbindung gebracht wurde. Die Porträts geben diesen Probandinnen und Probanden nun ein sichtbares Gesicht.

Labes erklärt, dass die Wissenschaftler darum gebeten hätten, die Menschen fotografisch zu dokumentieren: ein Ansatz, der Forschungsergebnisse menschlicher erlebbar macht.
Gleichzeitig zeigen die Aufnahmen: Genetik ist nur ein Teil der Geschichte. In Gesprächen mit den Hundertjährigen traten wiederkehrende Lebensmuster zutage, die sich nicht allein mit genetischen Markern erklären lassen.
- Anpassungsfähigkeit: Viele berichteten, schwierige Zeiten überstanden zu haben und sich stets neu eingestellt zu haben.
- Soziale Bindungen: Familie, Freundschaften und liebevolle Partnerschaften wurden häufig als zentrale Lebensressourcen genannt.
- Alltagsgewohnheiten: Bescheidene Routinen, Bewegung oder einfache Ernährungstipps tauchten öfter als vermeintliche „Rezepte“ auf.
- Gelassenheit gegenüber dem Tod: Einige zeigten wenig Furcht vor dem Ende; für manche war es sogar eine ersehnte Erlösung.
- Unterschiedliche Lebensstile: Genuss ließ sich nicht prinzipiell ausschließen – ein Raucher, der 1905 geboren wurde, wurde als Beispiel dafür genannt, dass individuelle Lebensführung vielfältige Ergebnisse hervorbringt.
Die Liste ist kein wissenschaftlicher Beweis, wohl aber ein Anhaltspunkt dafür, wie komplex das Phänomen Langlebigkeit ist: genetische Dispositionen, persönliche Einstellungen und soziale Umstände wirken zusammen.
Zwischen Einsamkeit und Mehrgenerationenhaushalt
Neben berührenden Paarporträts finden sich viele Bilder von Alleinlebenden oder Menschen in Pflegeeinrichtungen. Labes bemerkte Unterschiede: In Haushalten, in denen mehrere Generationen zusammenlebten, schien das Zusammenleben oft besser zu funktionieren; zugleich sind solche Wohnformen heute seltener geworden.
Diese Beobachtung wirft Fragen auf, die über individuelle Lebensgeschichten hinausgehen: Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen fördern ein gutes Altwerden? Wie verändert sich das Miteinander in einer alternden Gesellschaft?
Einige der Porträtierten gaben praktische Ratschläge weiter – mal humorvoll, mal nüchtern: von einfachen Speisegewohnheiten bis zur Empfehlung, aktiv zu bleiben. Häufiger aber sei es die Fähigkeit gewesen, mit Rückschlägen umzugehen.
Auf die Frage nach dem Wichtigsten im Leben nannten die meisten Probanden Liebe in ihren verschiedenen Formen: familiäre Nähe, Freundschaft und langjährige Partnerschaften. Solche Antworten tauchen immer wieder in den begleitenden Texten auf.
Was an diesem Projekt besticht, ist die Kombination aus dokumentarischem Anspruch und persönlicher Nähe: Das Buch macht Forschung greifbar, ohne die Würde der Porträtierten zu verletzen, und lädt dazu ein, über eigene Vorstellungen von Alter und Sinn nachzudenken.
Für Forscher, Pflegende und eine breite Öffentlichkeit bietet die Verbindung von Genetik und Lebensgeschichten einen differenzierten Blick auf das Altern – und die Erinnerung, dass hinter jeder Statistik ein individuelles Leben steht.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.