Paula Irmschler über „Malcolm in the Middle“, „Scrubs“, The Strokes, Massive Attack, Tom Waits und mehr.
Heute Morgen erfüllte A-Has „Take On Me“ die Luft, als es aus meiner Playlist erklang. Ein Song, den ich schon tausendmal gehört hatte, und doch war es immer wie ein Hintergrundgeräusch – überall gespielt, von Radios bis hin zu nicht wirklich Indie-Indie-Partys, oft als Hintergrundmusik verwendet und von vielen verspottet. Es war unmöglich, diesen Song jemals mit frischen Ohren anzuhören – er war immer überall, immer bekannt, immer durchgespielt. Doch heute Morgen dachte ich: Jetzt, vielleicht jetzt beim tausendundersten Mal, könnte es anders sein. Und tatsächlich, ich begann zu denken: Das ist eigentlich ein ziemlich guter Song. Ich sprang zwar nicht aus dem Bett, um dazu zu tanzen, aber der Gedanke, dass man niemals aufhören sollte, Dingen eine Chance zu geben, die offenbar aus gutem Grund von vielen geliebt werden, war da.
Eine unnötig lange Einleitung für ein Thema, das mir – wie ich später realisierte – die ganze Woche nicht aus dem Kopf ging. Ich hatte eigentlich keine Zeit, mich der Kultur hinzugeben. Doch dann merkt man, was einem wirklich wichtig ist, wenn man sich plötzlich die Zeit nimmt und alles andere liegen lässt. Trotz Zeitmangels, wachsenden Bücherstapeln, ungeduldigen Freunden und einer immer länger werdenden Liste von neuen und alten Filmen, die mich interessieren, schaffte ich es, ein paar Minuten für die plötzlich wichtigsten Ereignisse der Welt zu finden.
Die Neuauflagen von „Malcolm in the Middle“ und „Scrubs“
Aufregung pur! Plötzlich fühlte sich der durchschnittliche Millennial, der als Kind keine Freunde hatte, wieder in seinem Kinder- oder Jugendzimmer, den Schulrucksack in die Ecke geworfen, den kleinen Röhrenfernseher eingeschaltet, die Kekspackung geöffnet und auf Pro7 umgeschaltet. You’re not the boss of me now, you′re not the boss of me now, you’re not the boss of me now … No, I know I’m no Superman, düdüdüdüüü, I’m no Superman!
Ich weiß nicht, warum, aber in meinem Kopf hat sich der Gedanke festgesetzt, dass Neuauflagen, Wiederauflagen und Reunions – wie auch immer man sie nennen möchte – immer mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden sollten. Diese Einstellung wurde mir wohl von der Generation X eingeflößt, die einen Fetisch für erste Male hat. Sie glauben immer an ganz besondere Momente, die mit 16 am besten waren, die erste Freundin immer die tollste und deshalb jene eine Platte von The xyzs die unglaublichste überhaupt war – und die erste Staffel von Bla natürlich die beste, jede Fortsetzung des genialen Films totaler Schrott und so weiter.
Als ich jedoch die Ankündigung dieser beiden Serienfortsetzungen sah, war hier nur Freude angesagt. Und warum sollte man auch enttäuscht werden? Es wird einem ja nichts von dem Alten weggenommen. Und die Kekse schmecken auch dann, wenn die Serie schlecht ist. Also schaute ich mir zuerst die neuen vier Folgen von „Malcolm …: Life’s still unfair“ an:
… und dann die neun neuen Folgen von „Scrubs“:
Es dauerte bei beiden nur wenige Minuten, bis mir die ersten Tränen kamen. Bei „Malcolm …“, weil die verrückt süße Liebesgeschichte zwischen Lois und Hal so in den Vordergrund gestellt wurde, wie es sich die Fans gewünscht hatten – der 40. Hochzeitstag steht bevor! –, und drumherum viel Verrücktes, Übertriebenes und absolut Schräges, perfekt. Und bei „Scrubs“ weil es so unglaublich gut und lustig ist und „wie früher“, aber eben doch neu. Auch bei „Scrubs“ steht eine der größten Liebesgeschichten der Nullerjahre im Mittelpunkt, hier die von Turk und JD, der zurückkommt und Dr. Cox ersetzt. Ansonsten viel Melancholisches, Generationenmissverständliches, Trauriges.
Nullerjahre-Nostalgie und politische Töne
Ich verfiel sofort in tiefe Nullerjahre-Nostalgie – fast nur noch Keane, The Fray und The Shins liefen bei mir.
Und die Strokes! Obwohl sie gar nicht auf dem „Scrubs“-Soundtrack waren. Aber auf dem diesjährigen Coachella …
Für mich ist das Coachella generell mittlerweile eher eine Nebensache, obwohl ich früher ein großer Strokes-Fan war. Aber ihre Performance dort war für diese sonst so öde Veranstaltung überraschend politisch, vielleicht gerade deswegen. Bei ihrem Song „Oblivius“ ließ die Band Video-Montagen im Hintergrund laufen, die an die Gräueltaten der USA, insbesondere der CIA, in den letzten Jahrzehnten erinnerten: Morde, Angriffe, Vertuschungen.
Das sind längst nicht mehr die Strokes, die ich Ende der Nuller auf dem Hurricane Festival gesehen habe, als Julian Casablancas das Set mit den Worten „Fuck you“ beendete und einfach ging.
Massive Attack und Tom Waits: Das politische Popereignis
Apropos Hurricane und die Nullerjahre: Massive Attack! Ich glaube, ich sah sie damals beim gleichen Festival, und bereits damals hatten sie starke politische Statements gegen die westlichen Machthaber dabei – damals liefen sie über Texttafeln während bestimmter Songs. Ich hatte sie dann eine Weile aus den Augen verloren, aber sie sind ihrer Linie treu geblieben: in Sachen Antikriegshaltung und Staatsgewaltverachtung. Und sie arbeiten weiterhin mit Leuten zusammen, die starke Stimmen haben. Neuerdings mit Tom Waits. Kein Held meiner Generation, aber in den Staaten ist überall im Rolling Stone von ihm die Rede. Ihr gemeinsamer Song mit Massive Attack namens „Boots On The Ground“ ist meiner Meinung nach das aktuelle politische Popereignis – und trotz der geliebten Serienreunions das, was mich zuletzt am meisten berührt hat.
Hier sind keine weiteren Worte nötig, hört es euch einfach an:
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.
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Tom Schneider ist Musikliebhaber, DJ und Redakteur bei Inside-Reeperbahn.de. Er schreibt mit Herzblut über neue Bands, alte Legenden und die Hamburger Clubszene. Seine Artikel verbinden Recherche mit persönlichem Erleben und bieten echten Mehrwert für Musikfans.