Eine künstlerische Reise zu sich selbst
Max Gruber strebte lange danach, seine künstlerischen Visionen in die Realität umzusetzen. An einem entscheidenden Wendepunkt angekommen, sah er sich gezwungen, seine Kreation Drangsal teilweise zu opfern, um sie zu bewahren. Das neueste Album entpuppt sich als ein Werk, das fatalistische Züge trägt und doch in seiner Entstehung eine Hymne an die Musik ist.
„Und am Ende der Nacht flehe ich: Gib mir mein Lied zurück.“ („Ich hab von der Musik geträumt“)
Gruber, der als Indie-Liebling bekannt wurde, hat seine Musik über die Jahre hinweg immer mehr mit Elementen aus Schlager und Pop angereichert. Die frühere düstere Abweisung machte einer umfassenden, schillernden Präsenz Platz. Spätestens mit dem Album EXIT STRATEGY (2021) entfernte er viele der früheren musikalischen Barrieren und Spitzen. Heute sieht er diese Phase kritisch: „Es ging um Glätte und Künstlichkeit, um die Flucht durch Verkleidung oder Verstecken, um trügerischen Zelluloid-Zauber“, reflektiert Gruber. Er zweifelt daran, dass der Chart-Einstieg auf Platz sechs wirklich den Liedern selbst zu verdanken war: „Ich habe einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Signale gesendet. Es war eine bewusste Entscheidung, präsent zu sein.“ Die Isolation bei der Liederschaffung und das spätere mühevolle Überarbeiten forderten jedoch ihren Tribut von ihm, sowohl physisch als auch emotional. Nach einer Phase der künstlerischen Erschöpfung folgte eine chronische Erkrankung, die ihn zusätzlich belastete. „Der Gedanke, weitere zwei Jahre allein Musik zu machen, widerte mich an. Ich hatte keine Lust mehr, aufzustehen“, erinnert sich Gruber. Wie es mit Drangsal weitergehen sollte, blieb ungewiss, eine Pause schien unausweichlich.
In der Zwischenzeit suchte Gruber in zwei Bandprojekten nach einem Funken Leichtigkeit. Sowohl der Supergruppen-Poppunk der Benjamins als auch die Antifolk-Duette der Mausis erinnerten ihn daran, dass Musikmachen Freude und unbeschwerte Momente mit sich bringen kann. Er fand Erfüllung in der Gemeinschaft und erkannte, dass eine Fortführung von Drangsal externer Unterstützung bedurfte. Die Angst vor Kontrollverlust plagte ihn, doch was wäre, wenn er diese Ängste überwinden könnte? Am 16. Juni 2022 traf er Marvin Holley, und ein halbes Jahr später fragte er ihn spontan, ob er sich vorstellen könne, gemeinsam Musik zu machen. Holley sagte zu, und bald darauf begannen sie gemeinsam in Holleys Studio an neuen Ideen zu arbeiten.
„Ein Schulterschluss, ein Bruderkuss / Mit dem Weitermachen machen wir Schluss.“ („Nation Of Resignation“)
Gruber entschied sich für den linken Weg und aus Drangsal wurde eine Troika. „Ich habe in ihnen zwei Menschen gefunden, die meine Signale deuten und mir neue, spannende Wege aufzeigen können“, erklärt Gruber. Nach einer Zusammenkunft in Wuppertal zogen die drei in ein zum Studio umgebautes Bauernhaus an der polnischen Grenze. Dort wurde ihnen schnell klar, dass ein Album entstehen würde. „In der ersten Woche war ich noch sehr ängstlich und kontrollierend, doch mit der Zeit fand ich mehr Ruhe“, erinnert sich Gruber. Innerhalb von vier Wochen entstanden aus den musikalischen Entwürfen fertige Lieder. Die Aufnahmen wurden im Funkhaus Berlin abgeschlossen, und das Album erhielt den Titel AUS KEINER MEINER BRÜCKEN DIE IN ASCHE LIEGEN IST JE EIN PHÖNIX EMPORGESTIEGEN.
Die Musik auf dem Album träumt von einem Neuanfang, ihre Jazz-Passagen sorgen für Verwirrung, ihre Blues-Linien für Resignation. „Ich versuche immer, zu meinem innersten Unsteten zu gelangen, aber es gelingt mir nicht. Die Unmöglichkeit, mich selbst nachhaltig zu entfliehen, zermürbt mich“, gesteht Gruber. Obwohl das Album von manchen als fatalistisches Manifest betrachtet werden könnte, ist es in Wahrheit eine komplexe künstlerische Aussage. Im Vordergrund stehen organische Klänge, die Synthesizer finden kaum Verwendung. Stattdessen erkundet man eine Vielzahl von Instrumenten, und die Aufnahmen dokumentieren auch die natürlichen Geräusche des Gebäudes.
„Ist das Holz zu Spänen geklopft, selbst der Stolz mit Tränen betropft. Es ist so: Man singt und es wird.“ („Rosa“)
Obwohl Gruber es vielleicht nicht direkt ausspricht, spiegeln seine Verse verschiedene Formen der Desillusion wider: den Verlust kreativer Selbstverständlichkeiten, die unablässigen Gesetze der Veränderung, den Kampf mit seiner Gesundheit. All dies findet sich in den scharfzüngigen Zeilen dieser Dramagroteske wieder. Sie wird ihr Publikum herausfordern, doch wichtiger als jede Rezeption: Gruber hat sich erneut in das verliebt, für das er einst aus der Pfalz in die Welt zog. Holley und Korn haben ihn aus Sackgassen geführt und jeden Klang aus seinem Kopf in das Aufnahmegerät übertragen. Mit ihren Worten malt Gruber das Bild dreier Menschen, die sich fallen lassen können, ohne zu fallen. „Marvin und Lukas haben mich gerettet. Früher habe ich Früchte geerntet, so vergoren sie teilweise gewesen sind. Irgendwann wollte ich das nicht mehr und musste überlegen, was am Ende bleibt – und das ist die Musik“, schließt Gruber.
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Tom Schneider ist Musikliebhaber, DJ und Redakteur bei Inside-Reeperbahn.de. Er schreibt mit Herzblut über neue Bands, alte Legenden und die Hamburger Clubszene. Seine Artikel verbinden Recherche mit persönlichem Erleben und bieten echten Mehrwert für Musikfans.