Zum ersten Mal in Europa zeigt Berlin eine umfassende Einzelausstellung des US-Künstlers Walton Ford – eine Begegnung mit großformatigen Aquarellen, die vertraute naturkundliche Bildtraditionen nehmen und in eindringliche, oft verstörende Mensch‑Tier‑Allegorien verwandeln. Die Schau im Hamburger Bahnhof wirft Fragen auf über historische Wahrnehmungen von Tieren und ihren Platz in unserer Vorstellungskultur.
Ford arbeitet mit einer Bildsprache, die an präfotografische Naturdarstellungen erinnert, doch auf den zweiten Blick offenbaren seine Werke eine andere Absicht: Sie sind keine dokumentarischen Tafeln, sondern erzählerische und ironische Umdeutungen. Die Tiere wirken monumental, sexualisiert und bisweilen brutal – und zwingen den Betrachter dazu, bekannte Erzählungen über Wildnis und Zivilisation neu zu lesen.
Einige Gemälde provozieren durch drastische Szenen. So sitzt ein Affe an einem prunkvoll gedeckten Tisch, dessen Blick die Betrachtenden herausfordert; ein anderes Bild zeigt einen weißen Stier in einer aggressiven Stellung gegenüber einem Leoparden, dessen Gebiss drohend in eine Halsregion greift. Diese visuellen Konstellationen verschieben die Rollen von Opfer und Täter und öffnen Platz für neue Lesarten historischer Begegnungen zwischen Menschen und Tieren.
Ford, 1960 in New York geboren, nennt das frühe Erleben des Naturkundemuseums in seiner Heimatstadt als prägende Erfahrung. Er hat sich intensiv mit den Darstellungen früher Naturforscher beschäftigt, darunter mit Werken des amerikanischen Tiermalers John James Audubon, und nutzt diese Tradition, um kulturelle Mythen zu untersuchen statt biologisches Verhalten zu illustrieren.
Die Ausstellung versammelt rund 25 Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren und ist für Ford persönlich ein bedeutender Schritt: eine groß angelegte Präsentation in einem der wichtigsten Berliner Häuser für Gegenwartskunst.
Ein Bild, das eine Geschichte umdreht
Bezeichnend ist Ford‑spezifische Umkehrung historischer Narrative: In seinem Werk „An Encounter with Du Chaillu“ spielt er auf die frühen europäischen Berichte über Gorillas an. Während historische Darstellungen oft die Erschießung exotischer Tiere dokumentieren, zeigt Ford die Szene gespiegelt — der Gorilla steht mit einem Gewehr neben einem reglosen Menschen und wirkt so, als hätte sich das Gewaltverhältnis umgedreht. Die Darstellung hinterfragt, wie Furcht und Fremdbilder entstehen und welche Rolle solche Geschichten in der Kolonialgeschichte spielen.
Der Künstler selbst betont, dass ihn weniger naturwissenschaftliche Details interessieren als die kulturellen Konstrukte um Tiere: Warum werden Tiergestalten in Mythen wie „King Kong“ zu Symbolen unserer eigenen Ängste? Wie prägen Folklore, Aberglaube und medial vermittelte Bilder das öffentliche Tierbild?
- Ausstellung: Bestiarium
- Künstler: Walton Ford
- Ort: Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin
- Daten: 23. Januar bis 24. Mai
- Werke: etwa 25 großformatige Aquarelle aus den letzten zehn Jahren
- Publikationen: Editionsbände bei Taschen (limitierte Ausgabe 2007, größere Ausgabe 2009)
Bei einer Vorveranstaltung signierte Ford nicht nur Bücher, sondern zeichnete spontan Tiger und ausgestorbene Tiere wie den Thylacine – Gesten, die seine Nähe zur Ikonografie natürlicher Geschichte und zugleich seinen Sinn für theatralische Geste zeigen.
Die Bilder fordern Betrachterinnen und Betrachter heraus, weil sie vertraute Autoritäten der Naturdarstellung gleichzeitig ehren und unterlaufen. Damit haben sie eine aktuelle Relevanz: In Zeiten, in denen Fragen nach Dekolonisierung von Sammlungen, nach wissenschaftlicher Repräsentation und nach dem Umgang mit Biodiversität virulent sind, bieten Fords Arbeiten einen künstlerischen Zugang, um darüber nachzudenken, wie Bilder unsere Haltung zu Tieren prägen.
Wer die Schau besucht, trifft auf eine Mischung aus kunsthistorischer Referenz, politischer Fragestellung und handwerklicher Wucht — Bilder, die man nicht nur betrachtet, sondern über die man weiterdenken muss.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.