Bei der Pressevorführung eines großen deutschen Historienfilms bei der Berlinale am Donnerstag stieß das Werk auf deutlichen Unmut: laute Pfiffe und Buhrufe begleiteten den Abspann. Die Debatte dreht sich jetzt darum, wie Regie und Schauspiel mit der Darstellung nationalsozialistischer Propaganda umgehen — und welche Verantwortung Künstler gegenüber der historischen Wahrheit tragen.
Oskar Roehlers Film erzählt die Geschichte um die Entstehung des berüchtigten NS-Propagandafilms „Jud Süß“ neu und fokussiert auf den Schauspieler, der die Titelrolle annimmt. In der Neuinterpretation spielt Tobias Moretti die zentrale Figur, Moritz Bleibtreu ist als Joseph Goebbels zu sehen, Martina Gedeck als seine Ehefrau.
Das Werk gehörte zu den am meisten erwarteten Beiträgen der Berlinale, löste aber bei Fachpublikum und Kritikern scharfe Reaktionen aus. Vor allem drei Punkte stehen im Zentrum der Kritik: die künstlerischen Freiheiten gegenüber belegter Geschichte, erfundene Figuren und explizite Szenen, die vielen Zuschauern als geschmacklos oder verharmlosend erscheinen.
Worum es inhaltlich geht
Roehler verlegt den Fokus auf die persönlichen Entscheidungen des Schauspielers und zeichnet nach, wie dessen Mitwirkung am Film nicht nur seine Karriere, sondern auch sein Privatleben zerstört. Die Erzählung verknüpft die Produktion des NS-Films mit einem moralischen Zerwürfnis und zeigt, wie Propaganda persönliche Tragödien auslöst.

Historisch basiert der Stoff auf der Figur des Joseph Süß Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert eine umstrittene Rolle am Hof von Württemberg spielte. Unter dem NS-Regime wurde die Geschichte als antisemitische Parabel instrumentalisiert: Die Propagandaversion von 1940 erreichte ein Millionenpublikum und diente gezielt der Verbreitung antisemitischer Vorurteile.
Konkrete Kritikpunkte
- Erfundene Nebenhandlung: Die Darstellung einer jüdischen Ehefrau des Hauptdarstellers, die im Film eine zentrale moralische Rolle übernimmt, ist historisch nicht belegt und wird als dramaturgisches Mittel kritisiert.
- Szenenwahl: Bestimmte Sequenzen — etwa eine intime Szene, in der das Schimpfwort „Jude“ in einem sexualisierten Kontext fällt — stießen beim Publikum auf Abscheu.
- Fiktion vs. Fakten: Beobachter bemängeln, dass emotionale Zuspitzungen die historische Einordnung erschweren könnten.
Roehler und seine Darsteller verteidigten die Entscheidung, Fakten zu verdichten, um innere Konflikte sichtbar zu machen. Bleibtreu verwies dabei auf filmische Traditionslinien, in denen Regisseure historische Stoffe bewusst dramatisieren, um Wirkung zu erzielen — ein Argument, das jedoch von vielen Journalisten zurückgewiesen wurde.

Die Reaktionen auf der Berlinale zeigen, wie sensibel die Darstellung von NS-Verbrechen noch immer ist. In Deutschland sind die Originalvorführungen des Films von 1940 seit Kriegsende streng reglementiert; der Umgang mit diesem Erbe ist juristisch und gesellschaftlich weiterhin umstritten.
Warum die Premiere wichtig ist
Die Kontroverse hat mehrere aktuelle Implikationen: Sie berührt Fragen der künstlerischen Freiheit, die Pflicht zur historischen Genauigkeit und die Rolle von Kulturveranstaltungen als Bühne für Erinnerungspolitik. Für Zuschauer stellt sich konkret die Frage, wie zeitgenössische Filme mit Propaganda umgehen dürfen, ohne Opfer zu instrumentalisieren.
Für die Berlinale selbst hat die Diskussion unmittelbare Folgen: Der Film konkurriert in diesem Jahr um den Goldenen Bären, den eine Jury unter dem Vorsitz von Werner Herzog vergeben wird — ein Umstand, der die öffentliche Debatte zusätzlich befeuert.
Die Premiere hat jedenfalls erreicht, was kontroverse Historienfilme oft bezwecken: Sie provoziert eine öffentliche Auseinandersetzung darüber, wie Vergangenheit im Film sichtbar und verantwortungsvoll gestaltet werden kann.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.