Aidas Popkolumne: Straßenelefant sorgt für Aufsehen!

April 1, 2026

Plakat bei der „No Kings“-Demo in New York

Aida hat sowohl in Berlin als auch in New York Demonstrationen beobachtet und reflektiert, warum derzeit so viele Menschen protestieren und was dies über eine global desintegrierte Welt aussagt.

Es gibt immer ausreichend Gründe, auf die Straße zu gehen – zumindest für jemanden, der Protestaktionen so sehr schätzt wie ich. In letzter Zeit scheinen die Anlässe jedoch kein Ende zu nehmen: An einem Sonntag war ich bei einer Demonstration am Brandenburger Tor, die spontan nach Enthüllungen des Spiegels über sexualisierte Gewalt gegen Collien Fernandes organisiert wurde. Eine Woche später befand ich mich in New York, um mit einem geschätzten Kollegen die dritte Welle der „No Kings“-Proteste zu beobachten. Tausende Menschen zogen an uns vorbei: erfahrene Aktivisten, junge Demonstranten, Familien, politische Koordinatoren – jedes Plakat eindrucksvoller als das andere.

Die Gründe und kulturellen Hintergründe dieser Demonstrationen mögen sehr verschieden sein. Doch sie alle deuten auf dasselbe grundlegende Problem hin: Irgendetwas passt nicht mehr zusammen. Und mit „irgendetwas“ meine ich: überall. Kriege irgendwo auf der Welt, gesellschaftliche Konflikte, soziale Ungleichheiten, Geschlechterkonflikte – es scheint allgegenwärtig.

Die Trugbild einer intakten Welt

Ich erinnere mich an ein Zitat von Adorno, das er in einem Interview 1969 einem Journalisten des Spiegels gab: „Vor zwei Wochen war die Welt noch in Ordnung“, worauf Adorno lakonisch antwortete: „Mir nicht.“ Die Wahrheit ist, dass die Welt nie wirklich in Ordnung war. Vielleicht war der Schrecken der Gegenwart für viele von uns im globalen Norden einfach nicht spürbar. Oder wir wollten es nicht wahrhaben. Unwissenheit ist ein Segen, so sagt man. Aber ist das wirklich so?

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Unwissenheit kann das Leben im ersten Moment einfacher erscheinen lassen. Das ist wohl einer der Gründe, warum man in den Kommentarspalten zum Fall Collien Fernandes neben Solidaritätsbekundungen und typischem Hass aus der Männersphäre auch Kommentare findet, die besagen, „solche Dinge sollten privat geklärt werden“, oder dass es sich um eine schmutzige Scheidung handele. Und es sind nicht nur männlich wirkende Profile, die so etwas posten. Ein beachtlicher Teil scheint von Frauen verfasst zu sein.

Wegschauen als Schutzmechanismus

Man kann nie sicher sein, wer tatsächlich hinter einem Profilbild steckt, und das Internet wimmelt von Fake-Accounts. Doch ich glaube, dass viele dieser Kommentare echt sind. Ich könnte sogar verstehen, warum: Wenn es zutrifft, dass Collien Fernandes von ihrem Ehemann so hintergangen wurde und ihr mutmaßlich digitale, psychische und physische Gewalt angetan wurde, wie es die Berichte nahelegen – was sagt das dann über all die Männer aus? Über die Männer, mit denen man vielleicht eine Beziehung führt? Die einem nahe stehen? Partner, Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn?

Die Vergewaltiger von Gisèle Pelicot kamen alle aus ihrem näheren Umkreis. Wer weiß also, wozu der Mensch vor uns an der Supermarktkasse fähig ist. Oder der Ex-Mann von Collien Fernandes – einst ein Aushängeschild der deutschen, irgendwie mainstreamigen, aber doch subkulturellen Popkultur, dessen Humor meine Jugend und Teile meiner Zwanziger geprägt hat.

Ein ähnliches Muster findet sich vielleicht auch bei einigen Anhängern autoritärer Politiker wie Donald Trump. Sicher, es gibt viele, die Rassismus, Ausgrenzung, Krieg und Gewalt grundsätzlich befürworten. Aber ich bin überzeugt, dass es ebenso viele gibt, die sich bewusst in Unwissenheit flüchten. Bilder von Gewalt in Minneapolis, von Bombenangriffen auf Mädchenschulen im Iran oder Enthüllungen aus den Epstein-Akten werden ignoriert, weil sie sonst das eigene Selbstbild erschüttern würden.

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Und dennoch: Hoffnung

Aber ich halte an etwas fest – an der Hoffnung. Innerhalb von 48 Stunden folgten 13.000 Menschen in Berlin einem Aufruf zu einer Demonstration gegen digitale Gewalt. In den USA wurde vor der dritten „No Kings“-Demo spekuliert, dass es schwieriger werden könnte, Menschen zu mobilisieren. Doch das Gegenteil war der Fall: Diesmal schienen sogar noch mehr Menschen auf die Straße zu gehen.

Um mich herum tanzten Menschen zu Musik von Rage Against the Machine und Edwin Starr, zu Ice Cube und Demo-Gesängen. Eine Demonstration allein bewirkt noch keinen Wandel, aber sie kann der Ausgangspunkt sein. Der Beginn eines gesellschaftlichen Diskurses, der uns aus diesem Gefühl der Zerrissenheit herausführt. Und das ist doch zumindest keine schlechte Nachricht.

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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