Seit über hundert Jahren ist ein leichtes Abendessen bestehend aus Brot, Aufschnitt und Käse ein fester Bestandteil der deutschen Esskultur – doch könnte diese Tradition des Abendbrots aussterben?
Zwischen 17 und 19 Uhr ein paar Scheiben Brot, etwas Fleisch, Käse, Salat und Aufstriche zu genießen, gehört für viele Deutsche seit mehr als einem Jahrhundert zum täglichen Ablauf.
In der modernen Arbeitswelt und im Zeitalter globalisierter Ernährungsgewohnheiten, wo Experten oft zu kohlenhydratarmen Abendessen raten, scheint das Abendbrot jedoch nicht mehr zeitgemäß zu sein. Manche behaupten sogar, es stehe am Rande des Aussterbens.
In südeuropäischen Ländern wie Spanien und Griechenland ist es üblich, abends warm zu essen – und das auch später als in Deutschland. Brot mit Wurst und Käse gilt dort höchstens als Vorspeise, nicht als vollwertige Mahlzeit, die rechtzeitig zum Abendfernsehen beendet ist.
Wie hat sich das Abendbrot entwickelt?
Traditionell genießen Deutsche zwischen 12 und 14 Uhr ein warmes Mittagessen. Daher begann man später am Tag oft zu einem einfachen Abendbrot zu greifen – wörtlich übersetzt als ‚Abendbrot‘.
Kulturwissenschaftler zufolge geht diese Gewohnheit, abends kalte Speisen zu essen, auf die 1920er Jahre zurück. Damals dominierte die Industrie den Alltag – im Gegensatz zu den landwirtschaftlicheren Strukturen in Ländern wie Italien und Frankreich.
Kantinen wurden in deutschen Fabriken immer üblicher. Wer dort zu Mittag aß, wünschte abends oft kein warmes Essen mehr. Da die Arbeit durch technologischen Fortschritt körperlich weniger anstrengend wurde, bevorzugten viele abends eine leichtere Mahlzeit: Brot, Wurst, Käse, etwas Rohkost – und nicht mehr.
Nach dem Krieg wurde das Abendbrot noch beliebter. In dieser Zeit nahm auch die Zahl der berufstätigen Frauen zu. Das schnell zubereitete Abendessen wurde in vielen Familien zur Tradition.
Die Struktur, mittags eine größere Mahlzeit zu essen, ist auch heute noch in deutschen Arbeitsstätten erkennbar. Viele Unternehmen haben weiterhin Kantinen, die eine Vielzahl an warmen Speisen anbieten, und die Mitarbeiter werden ermutigt, ihre Pause dort zu verbringen. Ein Sandwich am Schreibtisch zu essen, wird meist missbilligt.
Ist das Abendbrot heute noch beliebt?
Einige Leute – insbesondere die ältere Generation – halten immer noch an der Tradition fest, mittags größer zu essen und später Abendbrot zu haben.
Trotz seiner Einfachheit sagen Fans des bescheidenen Dinners, dass es niemals langweilig sei. Deutschland ist bekannt für seine Tausenden verschiedenen Brotsorten – von Roggenbrot bis Zwiebelbrot – und seine vielen Wurstsorten. Oft wird es mit Gurken, Radieschen, vielen verschiedenen Käsesorten und hart gekochten Eiern serviert.
Dennoch führen Millionen Deutscher mittlerweile ein Leben ohne dieses Abendessen: Der Trend weg vom kalten Abendsnack ist von Sylt im Norden bis zum Allgäu im Süden deutlich erkennbar.
In der Allensbach-Studie „So is(s)t Deutschland“ des Lebensmittelkonzerns Nestlé fanden Forscher heraus, dass das Abendessen für viele Menschen unter der Woche zur wichtigsten Mahlzeit geworden ist. 2019 nannten 38 Prozent das Abendessen als Hauptmahlzeit des Tages, verglichen mit einem Drittel der Bevölkerung zehn Jahre zuvor.
QUIZ: Wie gut kennen Sie die deutsche Esskultur?
Die Covid-Pandemie, die Millionen über Monate hinweg im Homeoffice arbeiten ließ, ermöglichte es vielen Familien, sich mittags zu treffen. Doch Experten sehen trotz der Zunahme von Heimarbeit keine große Wiederbelebung des Mittagessens. Dies könnte auf Arbeitsdruck zurückzuführen sein, da die Menschen nicht in der Lage sind, sich zu entspannen, zu kochen und während ihrer Pause eine große Mahlzeit zu essen.
Nestlé-Sprecher Alexander Antonoff sagte, alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass der Trend zu einem warmen Hauptgericht am Abend weiterhin bestehen werde. Er sagte, dass das Zusammensein nach der Arbeit besser in das zunehmend unstrukturierte Alltagsleben von Millionen Haushalten in Mitteleuropa passe.
Trotz allem glaubt die Künstlerin und Universitätsdozentin Ingke Günther aus Gießen nicht, dass das einst beliebte Abendbrot in Deutschland vollständig verschwinden wird. Es hat jedoch die Rolle, die es jahrzehntelang spielte, verloren.
„Das liegt daran, dass die Realitäten von Arbeit und Leben vielfältiger geworden sind“, sagte Günther.
„Aber bei älteren Menschen und in Familien mit Kindern ist das Abendessen oft noch immer die Regel.“
Und in einigen städtischen Gebieten, wo sich Bio-Bäckereien eine neue Brotkultur erschaffen haben, gibt es eine bewusste Rückkehr zum Abendbrot, allerdings mit einem etwas hipperen Flair.
Vokabular
Brauch – (der) Brauch
Erkennbar – erkennbar
Vorspeise – (die) Vorspeise
Mahlzeit – (die) Mahlzeit
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.