Ein Pastor aus der Nähe von Göttingen hat seit dem Zusammenbruch der DDR ein ungewöhnliches Archiv aufgebaut: er rettet Bücher, die nach der Wiedervereinigung massenhaft entsorgt wurden. Die Sammlung ist nicht nur ein Reservoir verlorener Texte, sie zeigt auch, wie fragil kulturelles Gedächtnis ist – und wie zufällige Fundstücke bis ins Weltraumprojekt reichen können.
Wie alles begann
1991 löste ein Foto aus Leipzig Entsetzen aus: Tausende Bände lagen auf einer offenen Müllhalde, weil sie angeblich keiner mehr brauchte. Der Pastor und einige Helfer mieteten einen Lastwagen, sammelten Säcke voller Bücher und brachten sie in Sicherheit. Aus der Aktion wurde eine dauerhafte Initiative.

Die Sammlung im Pfarrscheunen-Lager
In einer Scheune neben der evangelischen Kirche stapeln sich mittlerweile zehntausende Bücher bis unters Dach. Besucher der Gemeinde und Interessierte dürfen nach dem Gottesdienst stöbern; die geringen Einnahmen werden wohltätig verwendet.

Der Initiator betont immer wieder: Kultur gehört nicht auf den Müll. Seine Beharrlichkeit hat dazu geführt, dass deutlich mehr als nur Einzelexemplare erhalten blieben.
Warum so viele Bücher verschwanden
Nach der Wiedervereinigung landeten nach Angaben von Fachleuten schätzungsweise rund 100 Millionen Bücher auf dem Abfall. Viele öffentliche Bibliotheken in der ehemaligen DDR mussten schließen – etwa 8.000 von insgesamt 12.000 Einrichtungen. Das veränderte die Nachfrage radikal.
Buchwissenschaftler weisen darauf hin, dass nicht nur politisch provozierende Titel aussortiert wurden; zahlreiche Drucke litten zudem unter minderer Papierqualität und veralteten Inhalten. Das führte dazu, dass Werke der DDR-Literatur vielfach als überflüssig galten.
Was gerettet wurde
- Romane und Erzählungen bekannter ostdeutscher Autoren (beispielsweise Werke von Christa Wolf und Stefan Heym)
- Ausländische Literatur, die in der DDR zugelassen war
- Lehrmaterialien, Schulbücher, medizinische Fachliteratur
- Kochbücher, Heimwerker-Ratgeber und Kunstbände
- Kinderbücher – darunter verpackte Ausgaben mit politisch brisanter Anspielung
Einige Kartons wurden sogar an Bibliotheken im Ausland geschickt, unter anderem nach Shanghai und Almaty. Die Bandbreite der geretteten Titel zeigt, dass es nicht allein um Ideologie, sondern auch um Alltagstexte und Alltagswissen ging.
Vom Dachboden ins Weltall
Aus zwei scheinbar unscheinbaren naturwissenschaftlichen Büchern aus der Sammlung entstand ein überraschender Nutzen: Ein Forscher des Max-Planck-Instituts rekonstruierte daraus ein historisches Messverfahren und baute einen Photometer-Prototypen. Dieses Gerät, gefertigt aus Stahl und Keramik nach einer älteren Technik, wurde später an die Raumsonde Cassini mitgegeben und erreichte 1997 den Saturn.
Der Fall illustriert, wie scheinbar obskure Bestände technische Lösungen bewahren können, die andernorts bereits in Vergessenheit geraten sind.
Die Geschichte dieser Sammlung ist mehr als ein lokales Kuriosum: Sie wirft Fragen auf zur Haltung einer Gesellschaft gegenüber ihrem kulturellen Erbe und zur Verantwortung beim Umgang mit Büchern als Träger von Wissen. In Zeiten, in denen digitale und physische Archive gleichermaßen ums Überleben kämpfen, bleibt die Arbeit des Pastors ein Beispiel dafür, wie viel Wert in der Rettung oft unterschätzter Bestände stecken kann.
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Franziska Neumann ist eine leidenschaftliche Reporterin mit einem Gespür für außergewöhnliche Menschen und Geschichten. Ihre Reportagen auf Inside-Reeperbahn.de verbinden Fakten mit Emotionen und werfen einen besonderen Blick auf das Leben in und um die Reeperbahn.