Ida Hattemer-Higgins privat: überraschende Einblicke in ihr Zuhause

Juni 17, 2026

In bed with Ida Hattemer-Higgins

Ida Hattemer-Higgins hat aus einem Albtraum einen Roman geformt: In ihrem Debüt lotet sie, mit Berlin im Zentrum, aus wie Erinnerungen zu Erzählungen werden – ein Thema, das aktuell wieder stark diskutiert wird. Wer den Text jetzt liest, erfährt nicht nur, worum es in dem Buch geht, sondern auch, wo die Autorin ihre Anstöße herholt und warum sie am 25. Mai im Kaffee Burger liest.

In ihrem Roman begleitet Hattemer-Higgins eine US-Amerikanerin, die aus einer Amnesie erwacht und von den Gespenstern des Kriegs-Berlin und des Dritten Reichs verfolgt wird. Die Ausgangsidee stammt aus einem intensiven Traum; daraus entwickelte sich eine Geschichte, die persönliche Beobachtungen mit fiktionalen Überhöhungen verbindet.

Persönliche Spuren als Einstieg

Die Autorin verarbeitete Elemente aus ihrem eigenen Leben: ein Studienaufenthalt an der Freien Universität, Arbeit als Stadtführerin und das Leben in Schöneberg. Sie sagt, diese Details hätten ihr zu Beginn Sicherheit gegeben – weniger, weil sie alles so erlebt hat, sondern weil sie eine vertraute Basis brauchte, um radikalere Fiktionen zu wagen.

Der Text ist also weniger Autobiografie als die Vorstellung eines alternativen Lebens: eine Version, in der die Protagonistin weitaus zerbrechlicher und isolierter ist als die reale Autorin.

Stadtführerin, Wiederholung und Wut

Hattemer-Higgins beschreibt ihre Zeit als Reiseführerin als routiniert und repetitiv, aber prägend. Die ständige Wiederholung von Narrativen machte sie misstrauisch gegenüber vereinfachten Darstellungen der Vergangenheit.

Besonders ärgerte sie, wie gern sich Besucherinnen und Besucher mit Widerstandskämpfern oder Opfern identifizieren, während die psychologischen Mechanismen hinter Täterschaft kaum beachtet würden. Dieses Ungleichgewicht – Empathie für das Leiden, Scheu vor dem Verständnis der Täter – wurde für sie zum literarischen Impuls.

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Das Buch als Spiegel seiner Kritik

Die Autorin wollte nicht nur eine Geschichte über die Vergangenheit erzählen, sondern die Art und Weise untersuchen, wie Geschichte in Mythen übergeht. Ihr Roman reproduziert deshalb teilweise die Verlockungen, die er kritisiert: Er verführt bewusst zu bestimmten Identifikationen, nur um diese später zu unterlaufen.

Hattemer-Higgins beobachtet, dass viele Kritikerinnen und Kritiker das Werk missverstehen und es als Teil des tradierten Holocaust-Diskurses lesen, statt als Kommentar auf diesen Diskurs. Ihre Absicht sei ironisch, nicht apologetisch.

Zum Schreiben über den Holocaust oder den Zweiten Weltkrieg sagt sie, sei eine leichtere Verführung kaum zu vermeiden: Um Lesende in eine problematische Denkweise hineinzuziehen, müsse man sie zunächst mit ihr bekannt machen. Gelinge es am Ende, diese Verführung als Falle zu entlarven und die Leserschaft zu verunsichern, habe das Buch sein Ziel erreicht.

  • Titel: The History of History: A Novel of Berlin
  • Autorin: Ida Hattemer-Higgins
  • Kernthemen: Erinnerung, Mythologisierung von Geschichte, Identifikation
  • Setting: Berlin, mit Rückgriffen auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs
  • Lesung: 25. Mai, 21:00, Kaffee Burger (EXBERLINER Wednesday Night)

Erinnerung als Prozess

Entgegen dem Eindruck einer bleibenden kollektiven Amnesie hält die Autorin die deutsche Aufarbeitung der Vergangenheit für gelungen. Sie interessierte sich weniger für das Vergessen an sich als für das Aufwachen daraus: wie Gesellschaften, aber auch Individuen, wieder in die Erinnerung zurückfinden.

Bei der Darstellung ihres Romanprotagonisten dachte sie deshalb bewusst an die nationalen Prozesse des Erinnerns – an die Mechanismen, die nötig sind, damit Vergangenes wieder sichtbar und verarbeitbar wird.

Was sie selbst nachts wachhält, ist ein bunter Mix: Lebenspläne, Erinnerungen an früheren Stationen wie China – und die Sorge um Fehldeutungen ihres eigenen Textes durch Rezensenten. Solche Missverständnisse beschäftigen sie aktuell am meisten.

Die Lesung am 25. Mai bietet die Gelegenheit, den Roman direkt von der Autorin zu hören und im Anschluss Fragen zu stellen. Für Leserinnen und Leser, die sich mit den Grenzlinien zwischen Fiktion, Erinnerung und Mythenbildung beschäftigen, ist das Buch ein lohnender Ankerpunkt.

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